In Arbeit

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Gute Arbeit

Der Begriff »Gute Arbeit« wurde erstmals als arbeitspolitisches Leitbild einer menschengerechten Arbeitswelt von der Gewerkschaft IG Metall Anfang der 1990er Jahre in die tarifpolitische Diskussion um eine »Tarifreform 2000« eingebracht. »Gute Arbeit« behandelt die Qualität der Arbeitsbedingungen und die Gestaltung von Arbeit im Sinne der Beschäftigten: ein sicherer Arbeitsplatz, ein transparenter und umfassender Informationsfluss, eine belastungsarme und lernfördernde Gestaltung der Arbeitsbedingungen sowie ein angemessenes Einkommen und gute soziale Absicherung gegenüber Risiken wie Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter.

Dieses Leitbild knüpft an das sozialdemokratische Reformprojekt »Humanisierung des Arbeitslebens« aus den in den 1970er und 1980er Jahren an. In dessen Mittelpunkt stand ab 1974 die kritische Auseinandersetzung mit der tayloristisch-fordistischen Organisation von Arbeit und der zunehmend als unmenschlich empfundenen Arbeitsbedingungen und Arbeitsformen, für die als Symbol die Fließbandarbeit stand. Während in den 1980er Jahren die Arbeitssicherheit und die Vermeidung körperlicher und psychischer Gesundheitsschäden im Vordergrund standen, weitet sich das Projekt seit Anfang der 1990er Jahre auf moderne Management-Konzepte aus: flexible und selbstbestimmte Arbeitszeiten, Gruppenarbeit, Jobenrichment, Enthierarchisierung, Selbstorganisation und Mitarbeiterbeteiligung. Konventionelle Kontrollmethoden von Arbeit – Hierarchie, Regelorientierung, Fremdbestimmung, Trennung von Arbeits- und Lebenswelt – gerieten hierdurch ins Wanken.

Das Leitbild »Gute Arbeit« dient als Gegenentwurf zu neoliberalen Prinzipien, nach denen allein der Unternehmer und der Markt die Rahmenbedingungen von Arbeit definieren. Es wird als Widerstandskonzept zur Verhinderung von schlechter Arbeit verstanden, bei dem es gilt, die Verschlechterung von Arbeitsbedingungen zu verhindern, die zu Langzeitarbeitslosigkeit, Leiharbeit und prekären Arbeitsverhältnissen führt. Kritiker*innen äußern allerdings, dass die Bestrebung und die Methodik der guten Arbeit, hinsichtlich der Umformung der Arbeitswelt, von der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung überholt wurden.

Die Absicht dieser Thesis ist es, mein persönliches Leitbild von »guter Arbeit« zu konkretisieren. Es steht in keinem direkten Bezug zur obigen Definition und ergibt sich, im Gegensatz zum gewerkschaftlichen Leitbild, aus dem Versuch meinem subjektiven, utopischen Idealbild von Arbeit näher zu kommen. Trotz einer großen Schnittmenge im Streben nach besseren, gerechteren Arbeitsbedingungen, ist mir die Differenzierung wichtig. Denn im Kern ist die Herangehensweise zu unterscheiden: Das Leitbild der 90er Jahre entwickelte sich aus der Frage, wie eine Verbesserung der damaligen Situation der Beschäftigten herbeigeführt bzw. eine Verschlechterung verhindert werden kann. Mein Ansatz verfolgt die Frage: Was wäre – losgelöst von der derzeitigen Situation – die ideale Arbeitssituation? Erst daraus ergibt sich ein Nachdenken und eine (ggf. sehr individuelle) Annäherung an ein mögliches Idealbild.

Ein weiterer Grund für die Notwendigkeit einer eigenen Definition ist, dass mir das oben erwähnte Symbol der Fließbandarbeit, von dem die politischen Arbeitstheorien der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheinbar ausgehen, fremd ist und seine Prämissen sich nicht mit meinem Konzept der idealen Arbeit vereinbaren lassen.

In meinem Idealbild von »guter Arbeit« würde die Arbeit nicht allein der Erwirtschaftung des Einkommens dienen, sie wäre gleichzeitig ein Mittel des gesellschaftlichen Handelns, Mitwirkens und Miteinander-Welt-Gestaltens. Diese gute Arbeit fände ohne äußeren Zwang statt, setzte sich mit frei nach eigenem Interesse gewählten Tätigkeiten und Aufgaben auseinander und würde bewusst verrichtet werden. So würde sie ein gesundes Maß an Selbst-Identifikation und sozialer Verortung ermöglichen. Die gute Arbeit wäre in ihren Konditionen einvernehmlich und gerecht und in ihrem Prozess, ihren Erzeugnissen und ihren Auswirkungen ganzheitlich und langfristig nachhaltig, käme also ohne die Ausbeutung menschlicher und weltlicher Ressourcen aus. Darüber hinaus würde die gute Arbeit sich selbst untersuchen und eine Förderung und Bereicherung der Gesellschaft und des eigenen Tätigkeitsfeldes anstreben.

Ist es in unserer gegenwärtigen Gesellschaft möglich, dieser Form von Arbeit nachzugehen? Welche Voraussetzungen müssten hierfür erfüllt sein? Mit der Überprüfung und Verfeinerung dieses Konzepts möchte ich mich fortlaufend auseinandersetzen.

Der allgemeine derzeitige Zustand vieler Arbeitsfelder, einschließlich des Grafikdesigns, ist größtenteils inakzeptabel. Als temporär, in prekären Freelance-Arbeitsverhältnissen beschäftigte Einzelkämpfer befinden sich die Gig-Economy-Cowboys und -girls in ständiger ökonomischer Unsicherheit. Die Verinnerlichung der toxischen Mischung aus Neoliberalismus und Social Media knüpft das Selbstwertgefühl an die mediale Resonanz auf die Inszenierung der eigenen Brand, die auf Instagram performt wird, und lässt sie auf keinem Erfolg ausruhen. Die Umstände, denen die einzelnen Arbeiter*innen ausgesetzt sind, sind so belastend und einnehmend, dass der Freiraum, der notwendig wäre, um strukturelle Kritik zu formulieren oder sich sogar kollektiv politisch zu organisieren, kaum geschaffen werden kann, womit Arbeiter*innen praktisch in die Unmündigkeit verdammt sind.

Das diejenigen, die sich mit ihrer Arbeit glücklich und erfolgreich schätzen dürfen, hierfür Opfer bringen, Kompromisse eingehen und gesundheitliche und soziale Abstriche in Kauf nehmen müssen, scheint als Selbstverständlichkeit akzeptiert, wenn nicht sogar als Voraussetzung angesehen zu werden. Es gilt das rationalisierende Narrativ, nach dem erst Opfer und Verzicht den notwendigen Antrieb bringen würden, sich selbst zu übertreffen: No pressure, no diamonds!

Verhindert ein ausgewogeneres Leben herausragende Leistung? Verlieren die Arbeiter*innen etwas durch kollektive Organisierung? Trotz Skepsis interessiere ich mich für die Plausibilität dieser Auffassungen, genauso wie für die Möglichkeit, dass das Ideal der guten Arbeit nur als unerreichbare Utopie zu verstehen ist. Von dieser Auseinandersetzung erhoffe ich mir ein besseres Verständnis dafür, wie sich die übergeordneten Bedingungen und Strukturen meiner eigenen Arbeit besser gestalten lassen, sowie Erkenntnisse über die Ursachen und die Strukturalität der Probleme, die sich in der Arbeitswelt auftun.

Insbesondere möchte ich besser verstehen, was es bedeuten kann, als Grafikdesigner*in »gute Arbeit« zu leisten. Um meine Vorstellung der guten Arbeit zu schärfen und die Realisierbarkeit zu prüfen, mache ich mich durch Interviews mit den Karrierewegen, Arbeitskulturen und -methoden von für mich relevanten Personen aus dem Grafikbereich vertraut. Auch wenn die Probleme der Arbeit strukturell sind, scheint mir die Betrachtung individueller Erfahrungen und Erkenntnisse die vielversprechendste Quelle möglicher Lösungsansätze zu sein. Gleichzeitig knüpfe ich an den persönlichen Austausch, wie er im Interview stattfindet, die Hoffnung, dass dieser einen ersten Schritt gemeinschaftlicher Organisation darstellen kann.

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Daniela Burger

Daniela Burger wurde 1969 in Konstanz geboren, studierte Kommunikationsdesign an der FH Potsdam und lebt seit 1996 in Berlin. Seit 2003 arbeitet sie als selbständige Grafikerin und Illustratorin. Seit 2010 ist sie die Artdirectorin und (zusammen mit Sonja Eis­mann, Stefanie Lohaus, Chris Köver und Margarita Tsomou) Mitherausgeberin des Missy Magazine. 2016 gründete sie zusammen mit Susanne Bürner den Kunstbuchverlag Monroe Books und 2018 gründete sie mit Catrin Sonnabend den Format Club.

Der Format Club ist ein Netzwerk selbstständiger Grafikerinnen. Der Club dient der gegenseitigen Unterstützung, dem Empowerment und dem Austausch über den Berufsalltag.

Das Missy Magazine ist eine Zeitschrift, die Popkultur, Politik, Style und eine feministischen Haltung ver­bindet. Ihre Erstausgabe erschien 2008. Das Magazin erscheint zweimonatlich in einer gedruckten Auflage von 30 000 Exemplaren (steigend, 2017: 25 000).

Danielas Arbeitsplatz befindet sich in einem Gemeinschaftsbüro im Dachgeschoss eines Altbaus in Berlin Mitte. Mit ihr im Büro sitzt die Redaktion des Missy Magazine.

Das Interview fand am Montag, dem 19.10.2020, in Berlin Mitte statt.

JSWoran hast du heute gearbeitet?

DBIch habe mich um Organisatorisches für die neue Missy-­Ausgabe gekümmert: Viele Emails geschrieben, Texte gelesen, den Seitenplan umgestellt und Feedback zu Illustrationen gegeben. Außerdem habe ich mit Catrin Sonnabend wegen des Format Clubs telefoniert. Es klingt nach wenig, aber es hat den Tag schnell gefüllt.

JSWie viel arbeitest du?

DBEine Zeit lang habe ich wirklich sehr viel gearbeitet, aber inzwischen versuche ich das zu reduzieren.

JSWie viel ist sehr viel?

DBTeilweise 16 Stunden am Tag, weil ich im Grunde zwei Jobs parallel gearbeitet habe. Nach dem Studium hatte ich einen festen Job und arbeitete nebenher, abends und nachts, an meinen eigenen Sachen. Als ich zwischendurch mal weniger Geld hatte, habe ich tagsüber beim Gestalten-Verlag gearbeitet, war gleichzeitig aber auch schon als Freelancerin relativ etabliert und hatte auch da viele Jobs, um die ich mich dann nachts gekümmert habe. So hat sich das summiert. Diese doppelte Schicht funktionierte für mich über längere Zeit aber nicht. Keine Freizeit mehr zu haben, keinen Input und nichts, hat mir richtig schlechte Laune gemacht und mir wurde klar, dass ich ein bisschen runterfahren muss.

Entwurf für den bevorstehenden Relaunch des Missy Magazine

JSWann war das?

DBDas war 2009/2010, als ich erst bei Gestalten gearbeitet und im Anschluss bei Missy angefangen habe. Da habe ich auch nochmal reingehauen, weil es ein tolles Projekt ist, das man auch gut machen will. In dieser Phase war ich allerdings nach jeder Heftabgabe immer eine Woche krank, weil es so ein Aufriss war.

Die Veränderung meines Arbeitspensums hing auch mit meinem Privatleben zusammen. Ich war damals in keiner festen Beziehung und habe, wenn ich nichts vorhatte, gearbeitet wie ich lustig war. In einer Beziehung zu sein, in der man sich abstimmen muss, hat mir dabei geholfen, mir mehr Freizeit zu nehmen. Wenn viel zu tun ist, arbeite ich auch noch zuhause. Manchmal hab ich auch Bock darauf, dann sitze ich bis nachts daran. Inzwischen merke ich jedoch, dass ich am nächsten Tag nicht mehr so fit bin. Darum versuche ich mich da zurückzuhalten, was nicht immer gelingt, gerade wenn es Spaß macht.

JSSpaß klingt doch eigentlich nach dem besten Grund lange auf zu bleiben.

DBJa, es ist ein absurdes Dilemma, dass ich mich selber von der Arbeit abhalten muss. Also, dass ich sagen muss: Du darfst nicht arbeiten, du musst ins Bett gehen. Meistens passiert es mir, wenn ich irgendwelche schönen, kreativen Dinge tue. Das Einarbeiten von Korrekturen hält mich nicht bis zwei Uhr nachts vor dem Rechner. Ich versuche die Überstunden nicht ganz so ausufern zu lassen, aber wenn ich mich den ganzen Tag nur mit Emails, Telefonaten, Absprachen, Konferenzen beschäftige, dann will ich abends noch an etwas Kreativem arbeiten.

JSDas immer entgrenztere Arbeiten ist ein allgemeiner Trend: Immer erreichbar sein und Chef*innen bzw. Klient*innen rufen nachts noch an … Erwartest du denn auch von anderen, dass sie noch nachts und am Wochenende arbeiten und Emails beantworten?

DBNee, ich finde es total blöd von Mitarbeiter*innen zu erwarten, dass sie das machen. Wenn überhaupt, frage ich sie vorher.

Ich habe meine Arbeitszeiten inzwischen besser strukturiert und versuche nur noch ausnahmsweise am Wochenende zu arbeiten, eher nur noch in Stressphasen, früher habe ich das standardmäßig getan. Außer es gibt etwas Dringendes. Oder mal ein halbes Stündchen am Sonntag Abend, um einen Überblick über die anstehenden Aufgaben zu gewinnen, vor zu sortieren und vielleicht dann doch zwei, drei Emails zu schreiben, um schon ein bisschen in den Flow zu kommen für Montag.

JSWenn du die freie Wahl hättest, würdest du deine Arbeitszeit und deinen Arbeitsrhythmus ändern wollen?

DBIch stehe tendenziell gerne ein bisschen später auf und würde erst um 11 Uhr mit der Arbeit beginnen und dann dafür bis abends oder nachts arbeiten. Wenn ich mich allerdings morgens an den Rechner setze und sich dann schon viele Aufgaben angestaut haben, stresst mich das. Da muss ich mich selbst beruhigen und darauf konzentrieren, die Aufgaben nach und nach abzuarbeiten.

JSIch frage auch bezüglich der angesprochenen Tendenz zur Entgrenzung. Diese zunehmende Freiheit der Arbeitszeiten würde ja im Idealfall bedeuten, dass sich wirklich jede*r die eigene Arbeitszeit nach belieben festlegen könnte. Dann wären die Öffnungszeiten von 14 bis 23 Uhr und das wäre akzeptiert. Oder wenn einem danach wäre, könnte man sich vom vorgegebenen wöchentlichen 7-Tage-Rhythmus verabschieden und stattdessen individuell z. B. für einen Rhythmus aus 4 Arbeitstagen und einem freien Tag entscheiden.

DBDas stört mich tatsächlich gar nicht. Ich bin da flexibel. Wenn es 6 Arbeitstage wären und dann 2 Tage frei, fänd ich es auch okay. Ich finde die 2 Tage frei ganz gut. Dann hat man einen Tag, um Besorgungen zu machen und an einem Tag ist so nüscht. Da ist alles offen.

JSNach dem Studium warst du zwei Jahre angestellt: bei der Spex und bei Neue Gestaltung. Seit 2003 bist du Freelancerin. 2016 und 2018 hast du eigene Formate gegründet. Lässt sich daran, dass du scheinbar jetzt mehr in organisatorischen Rollen unterwegs bist, ein Wandel deiner Arbeitsinteressen ablesen?

DBNein, mir macht meine Arbeit total Spaß, aber das Organisatorische mag ich gar nicht.

JSEin notwendiges Übel?

DBViele haben ja kein Problem damit, dass sich der Aufgabenschwerpunkt im Laufe der Karriere verlagert – weg von der Gestaltungsumsetzung hin zum Organisatorischen. Mich machen die vielen Emails und die viele Orga total bräsig. Ich finde die Gestaltungsarbeit einfach am angenehmsten. Mehrere Stunden konzentriert an etwas zu arbeiten, mich zu vertiefen, mir etwas auszudenken: Das ist für mich schön, das macht mir Spaß. Das ist aber auch ein Problem, denn die klassische Aufstiegshierarchie ist ja: Unten gestaltest du und oben delegierst du. Aber leider macht mir oben keinen Spaß.

»Unten gestaltest du und oben delegierst du. Aber leider macht mir oben keinen Spaß.«

JSWas war bisher das größte Unternehmen in dem du gearbeitet hast?

DBAlso bei Neue Gestaltung waren damals etwa zehn und bei Spex so elf, zwölf Leute. Also nicht so arg groß. Der Gestalten-Verlag waren 25 Leute, oder so.

JSAlso nie die ganz großen Agenturen?

DBIch habe bei Scholz & Friends in Hamburg ein Praktikum gemacht. Das war natürlich ein größerer Betrieb, in dem die Aufgabenbereiche genau festgelegt waren. Als Grafiker*in war man tatsächlich ausschließlich für Layouts zuständig, nicht für Bildbearbeitung, Kommunikation oder Sonstiges. Das habe ich einerseits als Entlastung empfunden, andererseits fand ich es auch saulangweilig. Am Ende hab ich mich bewusst für meine Selbstständigkeit entschieden und möchte die auch überhaupt nie tauschen.

JSIch habe auch den Eindruck, dass sich aus deinem Lebenslauf eine Wertschätzung der Autonomie ablesen lässt, z. B. daran, dass du bei Monroe Books auch deine eigenen Bücher verlegst.

DBIch finde, es macht großen Spaß Projekte auszuwählen und anzuschieben. Ich habe auch gern unsere Release-Events veranstaltet, für die wir uns immer etwas Besonderes ausgedacht haben. Autonom mit Freund*innen Projekte zu machen, ist auf jeden Fall toll. Andererseits arbeite ich in anderen Situationen auch gern als Dienstleisterin und füge mich in größere Zusammenhänge ein. Beides macht Spass und hat seine Vor- und Nachteile.

JSWodurch fühlt sich für dich ein Arbeitstag richtig erfüllend an?

DBWenn ich mehrere Stunden konzentriert und ohne Ablenkung an etwas arbeiten kann. Andererseits mag ich es, wenn ein Arbeitstag Abwechslung bietet: Austausch mit anderen Leuten, Ruhephasen, Recherche, Lesen. Und unterschiedliche Kund*innen, die unterschiedliche Themen an mich herantragen. Mir gefällt diese Balance. Ich fände es langweilig, den ganzen Tag nur alleine am Rechner zu sitzen, vor mich hin zu arbeiten. Dann will ich mich lieber zwischendurch abstimmen, telefonieren oder z. B. das weitere Vorgehen mit der Redaktion besprechen. Diesen Wechsel der Tätigkeiten finde ich total erfüllend. Mühselig wird es, wenn die Kommunikationsarbeit Überhand gewinnt.

JSHattet ihr auch im Verlauf des Jahres längere Homeoffice-Phasen?

DBJa und ich habe gemerkt, dass mir es gar nicht zusagt, den ganzen Tag alleine zuhause vor mich hin zu arbeiten. Ich arbeite auch schon wirklich sehr lange vom eigenen Büroplatz aus. Ich habe gemerkt, dass der Ortswechsel, das Rauskommen, der Austausch, die gegenseitige Beratung und das gemeinsame Mittagessen mir total wichtig sind.

JSDas Missy Magazine hat ja eine politische Haltung. Welche Rolle spielt für dich die Relevanz der zu gestaltenden Inhalte für dein persönliches Arbeitsglück?

DBDas ist mir wichtig und ich habe viele Aufträge, die mich in irgendeiner Form inhaltlich interessieren. Ich finde es total bereichernd, mich mit den Themen zu beschäftigen und aus den Inhalten die Gestaltung zu entwickeln. Für irgendwelche Firmen zu arbeiten, die irgendwas herstellen, würde mich auf Dauer unglücklich machen.

Daniela vor Bücherregal

JSWelche Bedingungen müssen für dich erfüllt sein, damit gute Gestaltung entstehen kann?

DBMan braucht Zeit und Kund*innen, die mitziehen. Ein häufiges Problem ist, dass die Leute auf den letzten Drücker kommen und die unrealistische Vorstellung haben, das ginge ganz flott und wäre so etwas wie ein zweiter Lackierungsanstrich bei der Renovierung. Es stünde eh alles schon, und man müsse nur nochmal drübergehen. Man muss dann erklären, dass hinter jeder Gestaltung ein Konzept und ein Prozess steckt. Es ist wichtig zu analysieren, für wen gestaltet wird und was kommuniziert werden soll. In einem Gestaltungskonzept stecken oft viele inhaltliche Entscheidungen. Außerdem ist ein Verständnis für den Gestaltungsprozess und ein Interesse für das Ergebnis wichtig. Allerdings merke ich, dass sich das im Laufe meines Berufslebens stark verbessert hat. Also je länger ich das mache, desto angenehmer sind meine Kund*innen. Ich bin älter, vielleicht auch ein bisschen etablierter und arbeite mehr mit Leuten zusammen, die Erfahrung im Umgang mit Gestaltung und Gestalter*innen haben, z. B. mit Leuten, die seit 20 Jahren in Kulturinstitutionen arbeiten und wissen, wie viel Zeit sie für Prozesse, wie Gestaltung und Druck, einplanen müssen.

Früher hab ich auch mal für meinen Nachbarn eine Website gemacht oder etwas für die Kollegin meines Vaters gestaltet. Dieser Sorte von Auftraggeber*in muss man erstmal erklären, dass das nicht nur 10 Euro kostet. Gerade bei Webseiten für Einzelpersonen oder sehr kleinen Businesses rate ich dazu es mit einem Template-Baukasten, wie WordPress, SquareSpace oder Ähnliches, selbst zu machen. Der Aufwand einer extra programmierten Seite sprengt da den Rahmen. Bei der Missy hingegen kann man nicht irgendein WordPress-Theme für die Website verwenden. Das muss mehr auf den Punkt sein.

»Was und die Schrift müssen wir jetzt kaufen? Wir könnten auch die Arial nehmen!«

Für meine eigene geistige Gesundheit ist mir wichtig, dass man mit Kund*innen eine gemeinsame Basis hat und sie auch selber visuelle Vorstellungen und Interessen haben. Wenn von der Seite der Auftraggeber*innen der Wille fehlt, kommt man am Ende nicht weit. Manchmal entwickelt sich das auch gemeinsam. Es gibt langjährige Kund*innen, mit denen ich zwischendurch erst streiten musste, um ihnen manche Dinge klar zu machen. Es kamen schon echt so lustige Sachen, wie: »Was und die Schrift müssen wir jetzt kaufen? Wir könnten auch die Arial nehmen!« Und das bei einem typo-basierten Erscheinungsbild.

Bei vielen Dingen ist es gut, wenn man versteht, worum es geht, wie z. B. bei der Missy. Es gibt ja einfach viele Grafiker*innen, die zu den Missy-Themen keinen Bezug haben. Also Zeit, Austausch oder gemeinsames Erarbeiten und ein gewisser Draht zum Thema sind als Grundlage für gute Gestaltung wichtig.

JSUm nochmal auf deine sich verbessernden Auftraggeber*innen-Erfahrungen zurückzukommen: Da meinst du, es könnte damit zu tun haben, dass du etablierter bist und die Leute dich kennen und wissen, was sie erwartet?

DBJa, mich sprechen die Leute z. B. gezielt an, weil ich bei der Missy bin. Im Kontrast dazu stehen Erfahrungen mit Auftraggeber*innen, wie die Kollegin meines Vaters, die eine Webseite für ihr Yoga-Studio brauchte. Da sie sonst keine Grafikerin kennt, fragt sie mich. Das ist keine bewusst abgewogene Entscheidung, sondern ein Beispiel für einen random Auftrag, bei dem es auch eher vorkommt, dass es kein besonders ausgeprägtes Bewusstsein oder Interesse für die Gestaltung gibt. Da ist der Anspruch an Professionalität und Originalität auch geringer. Diese Art kleiner random Aufträge hatte ich am Anfang viel mehr.

JSSagst du viele Anfragen ab?

DBDa bin ich nicht so gut drin, aber wenn ich den Eindruck habe, dass es kompliziert wird, sage ich lieber vorher ab. Ich habe schon ein paar Erfahrungen mit Leuten gemacht, mit denen es total anstrengend war zu arbeiten. Und teilweise riecht man das eben schon vorher.

Letztens habe ich einen Anfrage aus Österreich abgesagt, weil kein persönliches Treffen möglich gewesen wäre, was den Prozess sehr erschwert. Je kleiner die Struktur eines Projekts ist, desto schwieriger ist es, ohne direkten persönlichen Kontakt zu arbeiten. Aus dem persönlichen Umgang, dem Nonverbalen und dem Auftreten der Leute lässt sich ein Subtext ablesen, der dich die eigentlichen Absichten und Anforderungen besser verstehen lässt – über die Selbstbeschreibung der Auftraggeber*innen hinaus. Oft wird erst dadurch die eigentliche Aufgabe klar und es lässt sich ein Konzept ableiten. Kürzlich erst hatte ich eine Anfrage einer Gynäkologin aus Australien …

JSDas ist dann auch schon ein anderer kultureller Kontext.

DBEben! Ich fände es merkwürdig, von Berlin aus Websites für Australier*innen zu gestalten. Dort bestehen andere visuelle Codes, darum eignet sich eine lokale Gestalter*in für diesen Auftrag besser. Andere Anfragen habe ich auch schon abgelehnt, wenn die Vergütung zu niedrig war. Was schlechte Bezahlung angeht bin ich eh schon sehr belastbar, wenn das Projekt aber dann zusätzlich nicht so attraktiv, eher aufwendig und total kurzfristig angesetzt ist: Nee, danke!

JSIm März wurde das Missy Magazine mit dem Willy-Fleckhaus-Preis ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch! Welche Bedeutung hat so eine Auszeichnung für dich?

DBIch habe mich natürlich sehr darüber gefreut! Zum Glück ist es ein Preis, bei dem ich selbst nichts einreichen musste. Leider habe ich das schon immer viel zu sehr vernachlässigt. Die Gründe dafür liegen zwischen »keine Zeit«, »ich hab doch eh nichts« und es »kostet ja Geld« … Ich müsste mich eigentlich mehr um Einreichungen kümmern.

JSSiehst du dich selbst als beruflich erfolgreich an?

DBIch bin eigentlich sehr zufrieden mit dem, was ich mache, und damit, dass das bei mir alles gut klappt, dass ich davon leben kann und dass ich manchmal sogar zu viel Arbeit habe. Aber hin und wieder zweifel ich trotzdem an der Qualität meiner Arbeit und an mir selbst.

»Die klassische Definition von Erfolg ist, Preise vorweisen zu können, in der Öffentlichkeit zu stehen, Vorträge zu halten und zumindest innerhalb des Grafik­design-Zirkels bekannt zu sein.«

JSDas Gefühl des Nicht-Genügens, das Knüpfen des Selbstwertgefühls an die Qualität der eigenen Arbeit und das Sich-Vergleichen mit Anderen, scheint eine gewisse Berufskrankheit zu sein.

DBJa. Die klassische Definition von Erfolg ist, Preise vorweisen zu können, in der Öffentlichkeit zu stehen, Vorträge zu halten und zumindest innerhalb des Grafikdesign-Zirkels bekannt zu sein. Aber für mich selbst definiert, finde ich den Erfolg in der Arbeit wichtig, nämlich dass die Aufträge für die Kund*innen funktionieren und auf diese Art erfolgreich sind.

Taschen für den Indie-Verlag Monroe Books

JSHat sich im Laufe deiner Karriere dein Arbeitsfeld verändert?

DBJa schon. Im Prinzip gab es bei mir eine Verlagerung von Online zu Print. Zu Beginn bei der Spex habe ich die Webseite betreut, eine CD-ROM und Animationen gestaltet, wovon ich allerdings mittlerweile total weg bin. Früher habe ich mehr Illustration gemacht, was ich zugunsten von Grafik-Aufträgen reduziert habe. Mit der Missy hat sich mein Schwerpunkt nochmal mehr zu Magazin verlagert. Trotz meiner Magazingestaltungserfahrung bei Spex war die Arbeit bei Missy – selber eine Zeitschrift zu machen – erstmal etwas neues. Für mich ist das eine aktive Entscheidung. Ich hätte ja auch Monroe Books weiterführen können, um mehr Bücher zu machen.

Obwohl ich viele Anfragen für Webseiten erhalte, möchte ich den Bereich jetzt sogar noch weiter reduzieren. Diese Aufträge benötigen häufig eine langzeitige Nachbetreuung, was ich auf Dauer nicht leisten kann. Deshalb kommuniziere ich das lieber schon im Vorfeld oder nehme eben weniger Aufträge in der Richtung an.

JSUnd die Jobs, die du aus Interessensgründen ablehnst, wie z. B. Web-Aufträge, versuchst du die innerhalb deines Designerinnen-Netzwerks weiter zu vermitteln, also Leute zu empfehlen?

DBJa, manchmal werde ich nach Empfehlungen gefragt oder biete das von mir aus an. Ich vermittle dann auch Leute, die für mich gearbeitet haben. Ich finde das ist eine einfache Form, sich gegenseitig zu unterstützen. Am Ende profitieren alle.

»Der Austausch ist einfach total augenöffnend: Man merkt, dass alle ähnliche Probleme haben.«

JSEin Netzwerk an Freelancer*innen, welches sich gegenseitig empfiehlt, hilft einem auch mal selbst durch eine Durststrecke, in der nicht so viele Anfragen reinkommen. 2018 hast du zusammen mit Catrin Sonnabend den Format Club gegründet, ein Netzwerk für Grafikdesignerinnen, welches den Austausch über Arbeit und Berufsalltag ermöglicht. Aus welcher Motivation heraus ist der entstanden?

DBCatrin ist mit der Idee für den Club auf mich zugekommen und ich war gleich begeistert. Dadurch, dass viele meiner Freunde aus Studienzeiten nicht mehr in der Umgebung wohnen, hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr so viele enge Kontakte in meinem Arbeitsfeld und ich vermisste den persönlichen beruflichen Austausch. Zudem war mir klar, dass es total gut ist, sich zu vernetzen. Der Austausch ist einfach total augenöffnend: Man merkt, dass alle ähnliche Probleme haben. Die Branche ist nach wie vor sehr männerdominiert und es ist total wichtig, dem etwas entgegenzusetzen und zumindest einen kleinen Kreis zu haben, der sich kennt und in dem Informationen, Jobs, Positives, Negatives und sonstige Dinge ausgetauscht werden. Alle haben etwas davon.

JSWelche ähnlichen Probleme haben alle?

DBEs gibt wiederkehrende Fragen: Wie erfolgt gute Preisgestaltung? Wie hoch sollten Angebote sein? Wie verhandeln wir besser? Wie kommunizieren wir Aufwände und Prozesse verständlich? Wie grenzen wir Arbeit und Freizeit voneinander ab? Wie planen wir unsere Karrieren? Wo nehmen wir uns bisher als Frauen zu sehr zurück? Welche Verhaltensweisen würden wir gerne ändern?

»Mit Selbstzweifel und Versagens­angst schneidet man sich als Frau ins eigene Fleisch.«

JSBezüglich geschlechtsspezifischer Sozialisierung habe ich den Eindruck, dass Frauen tendenziell mehr Bedenken und weniger Zuversicht in ihre eigenen Fähigkeiten haben, z. B. wenn sie eine Auftragsanfrage erhalten. Männliche Grafikdesigner denken hingegen eher, dass sie das schon irgendwie hinkriegen werden und sehen vor allem das, was sie sich von dem erfolgreichen Auftrag versprechen und nicht das, was schief gehen könnte.

DBSelbstzweifel und Versagensangst führen zu großer Vorsicht und damit schneidet man sich als Frau wirklich ins eigene Fleisch. Man will nett, zugänglich und ehrlich sein – sich selbst zu verkaufen und anzupreisen gehört sich nicht. Damit macht man sich klein, vor sich selbst und vor anderen, eine doppelte negative Schleife.

JSAls Matthias Gieselmann euch gemeinsam für den Podcast formfunk interviewte, sagte Birgit Bauer sinngemäß, dass die Perspektive der großen deutschen Grafik-Berufsverbänden – also z. B. AGD (Allianz deutscher Designer), BDG (Berufsverband der Deutschen Kommunikationsdesigner) und Rat für Formgebung – mehr auf die Designerin als Unternehmerin ausgerichtet ist, als auf die Designerin als Kulturschaffende. Der Fokus läge demnach mehr auf Bereichen wie Wirtschaft, Recht, Marketing usw. und weniger auf den Bereichen Kultur, Kritik oder gesellschaftliche Reflexion. Wie ist es im Format Club? Du hast schon erwähnt, dass auch über Geld gesprochen wird, aber wird auch über letzteres, also die Designerin als Kulturschaffende, gesprochen?

DBUnter anderem. In unseren Vorträgen und Studio-Visits wird der thematische Rahmen grob dadurch festgelegt, dass wir alle a) selbstständig und b) Grafikdesignerinnen sind. Die meisten von uns arbeiten allein oder als kleines Büro. Ich persönlich würde mich und die anderen dadurch auf jeden Fall als Kulturschaffende und nicht als Unternehmer*innen definieren. Die Themen in unseren Studio-Visits und Vorträgen drehen sich vor allem um Gestaltung, Feminismus, Grafikdesign, Arbeitssituation oder -organisation. Ich selbst bin an Themen, wie Wirtschaft, Recht und Marketing, recht wenig interessiert.

JSWie verhält es sich bei dir mit der Konkurrenz? Nimmst du dich als unter hohem Konkurrenzdruck stehend wahr?

DBNe, irgendwie nicht. Vielleicht liegt es an mir, aber auch an meiner Arbeitssituation, in der ich eher wenig mit anderen Grafiker*innen zu tun habe: Hier im Büro sitze ich mit Missy alleine und dann kommen hin und wieder mal Freelance-Anfragen rein … that’s it. Da spielt Konkurrenz keine Rolle.

In meinem alten Gemeinschaftsbüro hatte ich mal eine absurde Diskussion mit einem Grafiker der dort ebenfalls gearbeitet hat, als es darum ging eine weitere Person für einen freien Schreibtisch zu finden. Zu meiner Überraschung meinte er: »Ein Grafiker darf hier nicht rein, ich möchte hier keine Konkurrenz!« Ich hätte es als Bereicherung empfunden, eine weitere Grafiker*in im Büro sitzen zu haben.

JSGibt es Menschen, die dir als Vorbild dienen, die du bezüglich ihrer Arbeit bewunderst?

DBDas Thema Vorbilder finde ich kompliziert, also mir liegt nicht so viel an diesen Personenbezügen. Nach Inspiration suche ich im Netz. Dann gibt es Personen und Arbeiten, die ich phasenweise im Kopf habe. Daran arbeite ich mich eine Weile lang ab und dann kommt wieder etwas anderes. Also klar gibt es Leute, die ich so all over gut und interessant finde und deren Arbeit ich schätze. Aber ich habe ein Problem damit zu sagen: »Das ist jetzt mein Vorbild!« Das finde ich merkwürdig.

JSWie würde es sich auf deine Arbeit auswirken, wenn du finanziell nicht auf deine Einkünfte angewiesen wärst?

DBIch fürchte nicht so arg.

JSDu erhältst bedingungsloses Grundeinkommen von jetzt bis immer …

DBIch befürworte ein bedingungsloses Grundeinkommen, weil ich das für sehr sinnvoll halte, um Reichtum zumindest ansatzweise umzuverteilen, und es persönlich sehr entlastend fände. Vielleicht würde ich mir mehr Freiheiten nehmen und nur vier Tage die Woche für Lohn arbeiten und einen Wochentag persönlichen Projekten widmen. Wobei, wenn ich noch einmal darüber nachdenke, ich denke, dass ich einfach genauso wie jetzt meine Arbeit und Arbeitszeiten organisieren würde.

JSWie steht es um das Thema »Finanzielle Transparenz« im Format Club?

DBWir haben vor, zukünftig exemplarische Preiskalkulationen in einem gemeinsames Dokument zu teilen. Um an Verhandlungssicherheit zu gewinnen und ersichtlich zu machen, was andere verlangen, wollen wir konkret aufzeigen, wie viel jemand z. B. für eine Broschüre mit 30 Seiten oder für eine Webseite mit einer bestimmten Komplexität verlangt.

Wir wollen auch einen Abend zu dem Thema gestalten, um darüber zu reden, dass Frauen tendenziell viel zu wenig verlangen und sich nicht trauen mehr einzufordern. Es gibt natürlich auch Frauen, die das tiptop machen, leider kenne ich aber sehr viele, denen es schwer fällt, angemessen Geld zu verlangen.

JSNeben anerzogenen Eigenschaften, wie Harmoniebedürfnis und Zurückhaltung, wenn es darum geht, Dinge einzufordern, hört man als Grafikdesigner*in zudem schon mal sowas wie: »Ah, du hast dein Hobby zum Beruf gemacht, dann machst du es doch bestimmt auch gerne umsonst.«

DB»Und das dauert ja gar nicht lang! Das machst du doch in einer Stunde!«

JSGenau! Es gibt also gleich mehrere Hürden. Im formfunk Interview hast du auf die Frage »Welche Fragen stellst du dir in letzter Zeit häufiger?« geantwortet »Wovon lebe ich, wenn ich alt bin?« Bist du da einer Antwort schon näher gekommen?

DBNa ja, geht so. Ich überlege manchmal, ob ich irgendwann nochmal etwas anderes machen werde, dass ich z. B. einen Laden aufmache, der mich dann noch irgendwie im Alter finanziert.

Danielas Fotobuch »Fischerinsel« (Monroe Books)

JSHast du die konkrete Vorstellung »Bis zu dem Alter möchte ich arbeiten und dann will ich nur noch Urlaub machen?«.

DBIch merke jetzt schon, dass ich weniger Energie habe wie früher und weiß z. B., dass ich nachts nicht mehr so lange arbeiten darf, wenn ich am nächsten Tag wirklich frisch sein will. Deshalb möchte ich wahrscheinlich irgendwann nicht mehr so viel arbeiten.

Allerdings kann ich mir überhaupt nicht vorstellen abgestellt zu sein, nur noch Fernsehserien zu gucken oder nur noch Gartenarbeit zu machen. Ich möchte lieber noch lange Zeit an etwas kreativem arbeiten, was auch immer das sein wird.

JSWie in vielen Branchen gibt es im Grafikdesign eine gewisse Fetischisierung des Jungen und Neuen. Kann man zu alt für Grafikdesign sein?

DBIch finde das eine schwierige Frage. Ich finde es unangenehm, dass Alter abgewertet wird. Man sollte ja eigentlich die Erfahrung gutheissen, die damit einhergeht. Es gibt viele Bereiche im Grafikdesign, die für ältere Leute beruflich nicht mehr zugänglich sind, das ist schade. Ich selbst denke auch immer mal wieder darüber nach, noch etwas anderes zu machen. Es wäre cool, nochmal in andere kreative Felder einzusteigen. Aber wer weiss, ob es sinnvoll ist in 10, 15 Jahren noch etwas neues anzufangen. Ich habe keinen Masterplan.

JSEs lässt sich auch beobachten, dass man von vielen »Young Guns« und »Emerging Talents« dann schon bald nichts mehr hört, dass sie sich womöglich doch in eine andere Richtung orientieren und dass man eben einen langen Atem braucht, um – wie du vorhin gesagt hast – sich zu etablieren und ein Standing zu entwickeln. Ist der Eindruck man müsse eine*r dieser gefeaturten, preisgekrönten Newcomer sein irreführend, weil es damit noch nicht getan ist?

DBIch glaube, auf dem Weg zum Erfolg braucht es gesunden Menschenverstand und Mut, Neues auszuprobieren. Darüber hinaus halte ich wenig von vermeintlichen Erfolgsrezepten. Dabei bleiben muss man natürlich auch.

JSMich interessiert, wie man diesen »langen Atem« erreicht. Wenn man einen bescheidenen Lebensstil, wenig finanzielle Verbindlichkeiten und geringe Ausgaben hat, hilft das wohl dabei, durch Phasen mit schlechter Auftragslage zu kommen und Projekte wählerischer anzunehmen, was dann langfristig zum Erfolg führt?

DBVon dieser Vorstellung zehren natürlich auch ausbeuterische Beziehungen. Auftraggeber*innen versprechen Reichweite, Portfolio-Material und späteren Erfolg als Kompensation für zu niedrige Vergütung. Unabhängig davon ist Durchhaltevermögen natürlich wichtig, aber auch gute Arbeit und am Ende vor allem, dass man sich nicht verbiegt und sich treu bleibt. Was ich gerne mache und gut kann, halte ich auch gerne lange durch.

JSWirkt sich deine Erkenntnis über anerzogene und kultivierte Muster – Harmoniebedürfnis, Zurückhaltung, Bescheidenheit – konkret auf deine Arbeitsweise aus?

DBJa, ganz sicher. Es ist natürlich eine Herausforderung aus den theoretischen feministischen Erkenntnissen praktische Schritte im Arbeitsalltag abzuleiten, aber es hilft dabei, manche Situationen und Gefühle zu verorten, das Einsetzen dieser anerzogener Muster zu erkennen und – falls ich möchte – zu vermeiden. Dabei hilft der Austausch bei Missy und im Format Club. Beim Schreiben von Angeboten, hilft es z. B. dabei die eigene Zurückhaltung zu reflektieren, um dann nachher zu einem besseren Preis zu kommen.

JSDann ist es also wichtig, die Situationen erkennen zu können, in denen man weniger harmoniebedürftig und stattdessen womöglich konfrontativer sein sollte.

DBIch bin sehr harmoniebedürftig, habe aber den Vorsatz, stellenweise bewusst strenger und kompromissloser zu sein. Daran scheitere ich aber gelegentlich, trotz besseren Wissens.

Das kann beispielsweise bei der Überprüfung der Skizze einer Illustration passieren, die für Missy in Auftrag gegeben wurde. Aus dem Bedürfnis heraus, nicht mäkeln zu wollen oder mein Gegenüber nicht zu kränken, schaue ich nicht mit meinem kritischsten Blick darauf oder halte mich zu sehr mit Kritik zurück. Wenn ich dann später die finale Illu sehe, ärgere ich mich im Nachhinein darüber, nicht kompromissloser gewesen zu sein. Und es passiert absurderweise trotzdem, obwohl ich mir eigentlich darüber im Klaren bin.

Treffen des Format Clubs

JSAuch in Bezug auf das, was du vorhin bezüglich der Kommunikation mit Auftraggeber*innen gesagt hast, scheint es lohnenswert zu sein Klartext zu reden und Grenzen aufzuzeigen. Das scheint für einen Prozess, der zu gegenseitigem Verständnis führt, notwendig zu sein.

DBDa gibt es natürlich viele Schichten. Das kann z. B. betreffen, wann jemand die Beantwortung seiner oder ihrer Email erwarten kann, oder dass man übergriffiges Verhalten zurückweist, oder wer welche Entscheidungen trifft und wer nicht.

JSIn so einer Situation wird eine ablehnende Haltung womöglich auch, abhängig vom Geschlecht, unterschiedlich wahrgenommen.

DBJa genau, ein Mann darf sich oft mehr herausnehmen, das ist dann ein selbstbewusstes Statement. Bei einer Frau wird das dann als starrsinnig oder unflexibel gebrandmarkt.

JSWie verschafft man sich Respekt und Autorität?

DB[lacht] Da bin ich nicht so die Expertin. Du musst zeigen, dass du Erfahrung hast, und deine eigene Meinung vertreten. Um jeden Preis auf etwas stur zu beharren, ist allerdings ein Zeichen von Schwäche. Dann ist es respektabler offen dafür zu sein, berechtigte, gute Einwände anzunehmen und Fehler einzugestehen.

Es hängt ja auch mit der eigenen Selbstwahrnehmung zusammen, was man ausstrahlt. Je erfahrener und sicherer man sich fühlt und je selbstbewusster man seine Meinung vertreten kann, desto mehr strahlt man das auch aus.

JSAlso eine eigene Meinung, Erfahrung und Ausstrahlung verschaffen Respekt und Autorität?

DBZumindest sind das die Punkte, die mir weiterhelfen. Eigentlich sollte das aber auch schon früher in der Karriere erreichbar sein. Manchmal muss man dafür ein bisschen bluffen. Manchmal hat man ja auch keinen Bock zuzugeben, dass man gerade etwas nicht weiß. Das ist berechtigt. Besonders Laien kann das verwirren, wenn sie den Eindruck haben, man wüsste nicht über alles perfekt Bescheid. Sie können es nicht einschätzen und interpretieren punktuelles oder nebensächliches Unwissen als fachliche Inkompetenz.

JSGibt es eine Erfahrung, die du gerne schon früher gemacht hättest oder eine Erkenntnis, die du gerne schon früher erlangt hättest?

DBEine Erkenntnis, die für mich wichtig war: Im Studium dachte ich, wenn ich gute Arbeit mache, wird sich das irgendwann herumsprechen und dann werde ich eine erfolgreiche Grafikdesignerin sein. Und irgendwann merkt man, es bringt nichts, einfach nur gute Arbeit zu machen. Ich muss auch angegliederte Bereiche berücksichtigen, wie Selbstvermarktung und -darstellung.

Die Erkenntnis ist bei mir früh angekommen, nur leider beherzige ich sie nicht genug. Eine weitere Erkenntnis war, wie vorteilhaft es ist, Teil eines Grafiker*innen-Netzwerks zu sein. Gemeinsam ist man stärker und es macht mehr Spass.

Weiterführende Informationen:

http://www.buerodb.de/

https://missy-magazine.de/

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Prem Krishnamurthy

Prem Krishnamurthy was born in the US in 1977 and works as a designer, curator, author and teacher from Berlin and New York. In 2004 he co-founded the graphic design studio Project Projects, which in 2018 transformed into his current studio Wkshps. From 2012 to 2017 Prem ran the gallery P! in New York. In 2015 he won the Cooper Hewitt’s National Design Award for Communications Design. In 2018 he started the curatorial research program K, as part of a year-long residency with KW Institute for Contemporary Art. Since 2019 his Endless Exhibition is on display at Kunsthalle Gent. These days he is engaged as the Artistic Director of FRONT International 2022, a contemporary art triennial in Cleve­land, Ohio, and as a guest professor at the Peter Behrens School of the Arts at Hochschule Düssel­dorf. Besides that he organizes various artistic research projects, such as Commune and the event series Present!.

The interview was conducted as a video call on Monday, 20.11.2020. Prem Krishnamurthy participated in the interview from his office in Berlin Schöneberg. The interview was conducted in English.

JSWhat are you working on most right now?

PKWell, most is a loaded word – I don’t know if you mean in terms of the most time or the most mental energy. The management self-help guru, David Allen, said: “The things that are really most important in life take you no time at all.” How long does it take to feel love for somebody? How long does it take to be compassionate? How long does it take to have a really great idea? It’s a question of whether most refers to how much time I spend or what I think of as being the highest priority.

JSWhat consumes most of your energy?

PKI’m not trying to evade the question. It’s actually quite interesting. I have been trying to rationalize my schedule a bit. It’s not going as well as I’d like but I’ve been trying to be more clear about how much time I spend doing certain things.

I’m working a lot on Front International 2022, the Cleveland triennial of contemporary art. As artistic director, I’m responsible for everything from the overall curatorial approach to the show and developing projects with all the artists who are involved in it. I’m also now taking charge of the public programs and the communications outreach, and also helping to facilitate the work of the local team. At the same time I am doing a lot of research, doing many studio visits, having conversations with other thinkers who might inform the curatorial framework of the show, and talking with our extended artistic team. So that takes up a lot of my time now and through the end of 2022.

At the same time, I’m working on a number of client-­driven or commissioned projects with my studio Wkshps. For example, I’m involved in a new identity system for the institution Formerly known as Witte de With in Rotterdam, which will be renamed as Kunstinstituut Melly in January 2021. I am working together with a team of post-graduate students at the Werkplaats Ty­po­grafie, who are designing its new identity. I’m serving as a tutor/leader/director/mentor and helping to structure the process together with Armand Mevis and Anniek Brattinga.

There’s a whole bunch of other projects with Wkshps: a new identity for the New York City Housing Vacancy Survey, which is a unique survey that looks at housing stock in New York in order to determine the guidelines for affordable housing laws in New York. What started as a strategic project of looking at all of their past graphic design, has now grown into the redesign of this survey for a major public institution.

People often ask me, “What are you working on?” or “What are your main themes?” and I never have an answer because there’s always a hundred things.

A week ago I made this diagram about what I know I’ll be working on in 2021 and 2022. It changes constantly but it’s helpful and a really good template of my brain right now. I used to have much wilder diagrams of the things I’m doing.

Prem’s diagram »What I am Working On«

So, at the very center of the diagram is the project Commune. I think it is the center of everything I do and will do for the next several years. To me Commune is a kind of para-institution. It’s essentially somewhere between an open workshop and a school-that’s-not-a-school as well as an emergent community or multiple communities that intersect in this one context. It’s like a way of life. What I’m trying to do is take a lot of what I’m doing, particularly pedagogically, but also professionally, and have it generate material that can be distributed for free and in an open-access way through Commune, so that other people can use it for developing their own creative work or life projects.

As I mentioned, the biggest single project I’m working on is FRONT 2022, which relates to the idea of Commune – the show is focused on art as an agent of transformation, a mode of healing, and a therapeutic process. Beneath this on my diagram is Future of Futures, an exhibition project that I’ll be staging in late 2021. It involves a methodology for bringing together teams of artists, designers, and fiction writers to work on an exhibition set entirely within a speculative future. It’s trying to move artistic practice and production away from a highly individualistic mode of making things and towards a more collaborative model that can also start to address the urgent questions and crises that we have right now.

It’s important to say that all of my work and projects take different forms; they play into each other in many ways. The projects that I’m most personally invested in – Endless Exhibition is one example of that – are projects that just have multiple formats instead of one final form. That’s why I explicitly name most of my projects these days as versions. Polymorph!, for example, is a lot of things: It’s an exhibition, a book, a manifesto, but it’s also a set of pedagogical workshops. That’s why it’s connected to the headline “Teaching” in the diagram. And Polymorph! is also what started Present!. It was previously a chapter of P!DF, which was also meant to be an exhibition, but was postponed because of COVID-19 – and then became a one-off live event that then extended into a series which is now almost its own para-institution, too.

Around “Teaching”, you see all of these different teaching positions. I’m teaching at Barnard College, New York right now. I’m involved in a project at EINA/IDEA in Barcelona and I’ve worked at other “Lehraufträge” in different places in Germany. So far, I’ve never taught full time though that could change. It’s ironic, because teaching has always been one of the things I love the most, but it’s not the thing that I primarily do. Right now I’m trying to figure out what role teaching plays in my life overall. At Werkplaats Typografie right now I’m in the ideal mode, where I’m not designing the project myself, but I’m helping other people to develop the tools to do the project. They’re doing a fantastic job.

Then there is “Writing”, because Polymorph! also involves a book that I hope to publish in the next couple of years. It is kind of a manifesto for artistic practice that looks at three things: bumpiness, juxtaposition, and generosity. Three terms that are very important to me as aesthetic strategies.

Now, one of the more important words here is “Organizing”. Much of what I do is a form of organizing. And I mean that in both the kind of methodological sense and also in a direct political sense. In New York, I was involved over many years, together with my tenants group, in transforming the building I live in from an illegal squat into a legal residence. It’s putting the skills that I’ve developed as a designer and curator over twenty years to other uses. Since June with the start of the uprisings for racial justice in the US, I’ve been offering free strategic consulting for various Black-led organizations and businesses. First, I was supporting a candidate for the House of Representatives elections in Ohio, and now I’m trying to work with a group in Georgia who tries to get out the vote with Black women voters. I also work with individual clients to offer consulting and support in various ways. After a half year, I realize how significant this work has been to me and how much of a sense of usefulness it gives me. If I’m not engaged in doing it, I miss it.

Organizing is the opposite of writing for me, although they are both really wonderful modes. One feels very selfless, like I’m working for somebody else. The other seems more selfish: I’m writing on my own. But they’re both very necessary for me.

And around organizing – in a more artistic context – you can see there’s a thing called The Artist’s Human Way, which is a project that I organized with artist Kalaija Mallery. It involves over 60 people around the globe who are all doing a 12-week program from the self-help book The Artist’s Way together with a group of randomly-assembled strangers.

In the diagram The Artist’s Human Way is next to Home Cooking, which is this artistic platform started by the artists Asad Rasa, Marianna Simnett, and many others including myself in March 2020. During this “season”, I’m helping to organize it in a curatorial role.

So, now about “Therapeutic Modalities”: In the last several years I have gone pretty deep on trying to research different ways that people practice therapy; there have even been moments in the last five or ten years where I’ve considered changing professions and becoming accredited as a therapist or healer of some kind.

Before I get to the big white elephant in the room, I also include “Living” and “Admin” on this diagram. “Living” involves things that I would like to do more of. And then “Administration” is catching up on life and bills and taxes, which I am always behind on.

Now “Design” is on the far left in the diagram …

“Actually everything I do is design.”

JSIt’s almost falling off the sheet.

PKIt’s a good observation. Yes, this is an area of the diagram where there are some things that feel overwhelming to me. It can make me feel a bit stressed out about them, and I don’t necessarily find them connected to my core set of concerns.

I actually had a dream last night in which a friend of mine said to me: “Oh, I only recently realized that you’re not really a designer anymore”, and I replied: “No, that’s not true; actually, everything I do is design.” The truth is, at the moment, I don’t work on as many client-based projects, but everything I do can be seen as design. All of these things are built on the fact that I’ve worked as a designer for over 20 years and the skills that come with that.

All of these activities, these modalities, are encapsulated within the word “design” because design can be organizational, but it can also be authorial. Design can be creating space for others, but it can also be shaping the messages that are transmitted. It can be artistic, while also political and intervening in the assumed flow of things. Design can involve creating products, but it can also be transforming processes. What I do might not necessarily be read as graphic design anymore, but it’s very much related to design in a broader sense.

JSSo “design” is not what it says on your invoice, but it’s your methodology.

PKYes. A couple of weeks ago I finished reading Friedrich von Borries’s book Weltentwerfen, in which he says “Der entwerfende Designer beauftragt sich selbst. Für seine Vorhaben, egal mit welcher Haltung er agiert, wird der entwerfende Designer von niemandem einen Auftrag erhalten”. Now the idea of self-initiated work is not a new thing, it’s been part of what I and my mentors and peers have been talking about since the 1980s and 1990s. But von Borries’s formulation makes me feel like a lack of interest in client-driven projects is no reason to doubt your self-identification as a designer. Instead, it might allow one to accept this role. “Self-initiated” in English is a problematic term for me, but “beauftragt sich selbst” sounds better – like, “yes, I create my own commissions for my own projects and my own structures to accomplish the things that are important”.

JSHow many hours do you spend working in your office?

PKI think we’d have to go deeper and ask: What do you call working? What do you call not working? Honestly, for me work … is life. For better or for worse. And you can call me a workaholic, you can talk about neoliberal capitalism and how it has led to the exploitation of every individual knowledge worker. You can theorize it or personalize it in lots of different ways.

For me, there are things that feel very “worky”: things that are on a deadline for somebody else, these can feel “workiest”. Is waking up every morning and writing freely … is that work? Technically, it might be, because one day I may be paid for those words or an edited version of them. But it doesn’t feel like the same thing as what I do when I’m on a tight deadline for a client or when I have to present a signage system for a public hospital that I’m working on with a famous Swiss architecture firm. There is a greater degree of having to “represent yourself” in those situations.

So maybe work is more like a spectrum rather than a fixed category. But to be honest – and maybe here I’m quite American and also the child of immigrants in this – I don’t have such a problem with work. I’m lucky that, for the most part, I enjoy it.

If I’m 75 or 85 and am still in good enough health to be doing things, I would like to be doing less things that are driven by a client-contractor relationship. My parents always used to ask me, “What are you going to do when you retire? Do you have money put aside for retirement?”, because I have never been employed under a permanent contract in my life.

So, realistically, how much do I work a day? I probably sit at a computer in my office eight or nine hours a day, and recently I’ve also started to do more late night meetings that I must take because of time zones. So let’s call it more like 9, 10 or 11 hours. My partner and I have a rule we’re trying out, where Saturdays are not so worky, which is good. But on Sundays, I like to be in the studio to enjoy the time when nobody is calling or bothering me and I get to do things. Again, I’m very privileged because I’m working a lot for myself, but then, do I think about teaching as work? I mean, maybe not. I think of it as much closer to research, curating, even organizing. Maybe that’s also because I’m not a full-time teacher and it’s not my primary financial income.

JSYou interviewed the productivity-guru David Allen about his book “Getting Things Done” in which he defines work just as “changing a state”. So it’s a super vague definition, which I find really interesting, especially when you think of what’s not defined as work in our conventional definition, for example care work.

PKYeah. And actually care work is – even in macroeconomic terms – the kind of work that is most likely to explode over the next 10 to 20 years, particularly in the US with its aging population. COVID-19 has suddenly made it so clear how important that work is and how badly compensated it is. Care work is typically seen as almost being like a secondary work, which doesn’t have the same status as other kinds of work.

Prem’s office

JSHow much vacation do you take?

PKI used to not believe in vacation, but I’m working on it. Ha ha. I would say that two weeks in the summer is a good idea for me. I know that there are really great things about spending time with my family. It’s also great to also have some time outside of sitting in front of a computer in the office, because that’s actually where many of the best ideas happen.

It’s been such an intense year so far; I really would like to take some time off at the end of November or December this year and basically give myself a kind of residency for a week. That doesn’t mean I’m not going to work. I just want to turn off communications, take a break from emails and meetings. I’d like to have a week to read books, to write, to allow my mind to wander, to not feel obligated to other people in the same way. I crave for that, like other people may crave vacation.

On my last birthday there were only two things I asked for: time alone to think and work, and a nice evening meal with my family. During the day, I turned off email. I turned off social media. I went to my office and I just let myself have the whole day as uninterrupted time. And I said to my wife and stepdaughter that I wanted to have dinner with them. I cut everything else out of that day. To some people, that might look like work because I showed up at my office, I actually ended up drafting a proposal for a book that I’ve been trying to finish for three or four months and just haven’t had the time to do. I read some books, I took some notes, I photographed some readings, I sorted through things, I processed some pictures. To me, that was pleasure. That’s what I really wanted to do with the day.

“If you are a designer and have any degree of managerial skills, you very quickly become an art director or a manager, and then you’re no longer making things anymore.”

JSSome time ago on the podcast “Scratching the Surface” you said that “a day feels like a fulfilling day when [you] create, design or write something, even if it’s only for an hour”. Apparently finding even this single hour to just focus on creating can be challenging.

PKTotally! It can be very loose, it can be writing, designing, diagramming, anything that feels like I’m making a thing. If I don’t do that on a given day, then it’s not a great day. And if I do it, it’s often a better day. And diagramming for me right now is like a form of sorting and also organizing and creating. I learned this when I used to run a much bigger studio. It points to the fact that, if you’re a designer and you kind of have any degree of social, interpersonal, managerial skills, you very quickly stop being a designer and become an art director or a manager – and then you’re no longer making things anymore. Most of the things that feel like “work” in the negative sense to me are the things that require managing other people’s time and expectations, overseeing other people’s labor or preparing a presentation or presenting to a client. Such activities feel very exteriorized, whereas the things that feel very nourishing to me on an emotional level are often the things that I make myself: that I can actually write, edit, draw, or generate mostly on my own.

JSWould you say that – besides the reduction of noise, emails and so on – is there anything else you could think of to optimize the circumstances you’re operating under? Is there anything else you might lack – like more time, more budget, more creative freedom or more authority?

PKYeah, I mean, I’m going to be totally honest: I have a lot of questions about working with clients at the moment, and how much of that I want to do over the coming years. It might be because I’ve worked with clients for a very long time. Who knows how I’ll feel in a year or five, but I’m going to try to take a real break from client based projects for much of 2021 at least. Don’t get me wrong: I love collaborating with people, but I’ll give you an example of a situation that isn’t ideal: Together with a colleague, I’m designing a book for an artist, whom I really admire personally. I’m also involved on other projects with the same artist, but the way that the book design process works seems so suboptimal to me. First, there’s very little budget; we’re mostly doing it because I like the work and want to support it. But in terms of process: we send the artist a sketch of this book design and receive back comments that are not written with a lot of care – they just say, “I don’t like this; move this; get rid of this; make this bigger,” rather than trying to explain the reasoning. A client who gives solutions rather than pointing out the issues is often the worst. That, combined with the low financial remuneration, means that we don’t feel like our work is valued very well.

So I’m trying not to do so many of these things. In the free consulting work I’m doing, I have a totally opposite stance and approach, which is simply to say: How can I support you? What are the ways in which I can help? In that context, I’ve had an artist asking me to make an identity. And so I spent an hour and sat there with the artist and helped make a word mark and a letterhead, which is not something I usually do for people very much anymore. But this time it felt good. It felt like it was a thing that was needed. Or I’d make a gallery announcement. Or sometimes, I’ve just almost played the role of a therapist and listened to the challenges that somebody is having with a small business. In these cases, it’s very egoless, it’s holding space. Such consulting work is much more related to a kind of modality of therapy or care. It’s supporting somebody else’s practice. I am just making clear what I can offer and what my skills are and then making them available to somebody. So that feels quite unconflicted and rewarding, because what you can offer – whatever that is, big or small – is valued in itself.

At the other end of the spectrum are the things that might be called “independent”, though that’s a misleading term since everything is really interdependent. Perhaps a better word is “non-client driven project”, although that’s unwieldy. In any case, whether this involves writing or making a booklet for myself, or making a performance lecture, or writing a book or similar – this can feel sometimes more me-generated. This is also pretty clear as a situation.

The design work that feels most problematic sits in the middle of this spectrum, when I’m trying to make a thing that I think is really good and that I have a personal and creative stake in – but somehow from the client-side that’s not quite understood, not appreciated or considered unsuitable to fulfill their needs, even when I feel like they don’t actually know what their needs are. They’re not responding from a position of understanding the situation holistically. They’re just responding from “I don’t like that”. And that’s frustrating.

More recently, I have been developing out methods of trying to align projects more explicitly: like in the initial workshops to kick off projects such as the identity for Kunstinstituut Melly (formerly known as Witte de With), I started by having the entire design team and client team share what they “want” and what they “fear” from the project. It helps for everyone to hear, together, what’s at stake for all the main people determining the project’s direction. I probably should have learned this lesson earlier in my career, but better late than never!

JSDo you experience any correlation between the budget of the project and the willingness of the commissioner to give you more authority? From my own experience the rule of thumbs is “the lower the budget, the more problems you have with clients talking into it”.

PKThat’s totally true. I never quite thought about it that way. But you’re totally right. I mean, years ago I did have the realization that, for the most part, it’s better to do a project for no money than for very little money. And the reason why is, at least if you do it for no money, it’s more clear why you’re doing it, what’s at stake, and what the boundaries are. I remember once designing a business card for a dear curator colleague. And it was paid one hundred dollars – and then the whole situation just felt bad. It’s somebody I really care deeply about, somebody whom I even almost think of like a mentor to me. But now I just wish we had just said, you know what, forget it. Just take me out to dinner one day, or whatever. And then it wouldn’t have felt bad.

When somebody pays a better, more fair fee, it’s likely that they also value your work more, that you are granted more authority, and that there’s a better understanding of the reason you are hired: to contribute a certain expertise. You usually don’t tell someone you’ve paid a lot of money to change the type size. I mean, why did you hire me? You hired me because I’m supposed to know something about typography.

JSDo you consider yourself a good boss to yourself?

PKI think that I am. Although if I were my own boss, I’d probably tell me that I should work less. Particularly over the last three to five years I feel like I have a much clearer sense of what kind of structures and what kind of things I need around me to work well.

JSIn “Getting Things Done” David Allen says in a footnote: “An ambient angst pervades our society – there’s a sense that somehow there’s probably something we should be doing that we’re not, which creates a tension for which there is no resolution and from which there is no rest.” This haunting feeling of insufficiency seems to be very widespread among designers. You also once alluded to the same topic in a Zoom lecture with the rhetorical question: “Am I doing enough?” Is this a question you ask yourself often?

PKI think it’s a widespread question amongst people in general, not just designers – but it’s a question I’m trying to ask myself less. I think that I’ve spent a lot of my time on this planet trying to be something other than what I am. And I am trying to ease into the idea that what I am is enough. That being said, I don’t think of who I am as a fixed quantity. I think that people, ideas, and the world change dramatically.

I think it may also just be a question of age. I’m 43 and when I was younger, I always thought that what I was bringing to the table wasn’t enough, that I should be somebody else. Yet I think I am gradually realizing that what I am has value and that I can embody this with some degree of joy in the world – and that this position is more useful than being constantly conflicted about whether I’m doing enough and whether I should be helping more or producing more or giving more or learning more, etc.

I am also deeply invested in the idea of learning new things for myself personally and collectively, but it doesn’t have to be framed as a kind of lack. It can be framed more as an abundance, like a desire for growing rather than a rejection of one’s self.

Prem’s video about »Counting«

JSIn some of your lectures you integrate meditative elements such as Counting. Does meditation play a big role in your working life?

PKIt should play more of a role. When I released the Counting video in early 2019 was around when I remembered or realized that counting as a technique had been taught to me at a very young age. For other purposes, originally, but it has a meditative effect. For a while, I really counted all the time – say, to 1,080 every day. But I sometimes fall off the habit; nowadays, I should do more of it. In the summer, when things were a little quieter on the business side, I had a lot of time to meditate, to write, to take care of myself and maintain other things. This gave me a sense of fullness. But as soon as you get out of practice this sense can disappear in a flash. You have to repeat these things regularly for them to mean something.

JSAnother thing is that in your lectures and interviews, you reference a lot of literature. Now, how do you find time to read so much? Because I already have trouble carving some time out of the day for reading, and you seem much busier.

PKI enjoy reading literature. That’s actually the one thing that I wouldn’t call work. Well, for the most part. It’s also not quite true, because one of the core parts of my professional and intellectual identity, as I see it, is writing in different forms. Other people watch a movie, but I don’t watch TV very much. The thing I mostly do, if I have time and I don’t have to work on a deadline – like when I actually do allow myself a holiday – is to bring a wide range of books and read them. It’s just the thing I like, you could call it my hobby. Also, I get many of my best ideas from reading literature in particular. My design work, but also my work in performance and teaching, is really informed by learning from literary and narrative form.

JSYou lead an internationally successful, very busy, jetset-workaholic life, and at the same time, you’re dealing with issues of sustainable interpersonal relationships in your works such as community, collectivism, diversity, and generosity. I don’t want to frame it as a contradiction, but I think it’s a very interesting combination in that way. How did this come about? Was it always like this?

PKI wouldn’t say that you’re wrong calling it a kind of contradiction or at least a tension; it’s one that I’m aware of and that people have pointed out to me over the years. I think that, pre-pandemic when I was doing much more of the jetsetting life, always on a plane and running around, I was definitely also thinking about community – but in a more distributed way, such as more international art or design communities. These relationships to other people could have incredible depth, but they were very sporadic, rather than a slower, more sustainable idea of community.

Since COVID-19, I haven’t gotten on a plane. I’ve been here in Berlin since February with just a couple of trips within Europe. And so it’s given me much more of an opportunity to reflect upon and experience what it is to be centered in a place. That being said, almost all the communities that I’ve been really invested in over the last eight or nine months have been online. So I could theoretically participate in those from anywhere.

One thing I’m trying to figure out all the time is how to maintain strong, mutually supportive ties to multiple people and communities at once. There are sociological theories about how many people you can know personally and truly call a friend – and what happens when you stretch those ties beyond a certain numerical limit. I want to try and be connected to and care for many other people, but also feel cared for, yet there are these limits of the number of strong relationships that you maintain. I think I’m realizing for myself right now – and this is a very personal reckoning, really – that maybe scale is less important to me now than meaningful depth. I’ve always been quite social, but maybe I’m entering a period of my life where instead of being focused on connecting with lots of people, perhaps I am more focused connecting to fewer people in a much more sustained way.

JSWhat would you say was your greatest success this year? It doesn’t have to be work related – whatever “work” is – it could be related to anything you could think of.

PKI’m really bad with best-ofs, but I’ll just give you a handful of things. One is Present! which has been very important to me, and, I believe, to other people. It has represented both a set of communal concerns, but also very individual ones. And so I think that Present! has been a milestone on multiple levels.

Personally, the thing that’s been really meaningful is that I now have a much stronger relationship with my stepchildren, amidst the pandemic. Being in Berlin for this long a period of time has meant that we spend much more time together, which wasn’t the case when I used to be traveling constantly. This goes hand in hand with my relationship with my wife really feeling more like a grounded relationship.

I’m also proud of another accomplishment, which is that I have developed a hobby. There’s one thing I do that is not work for sure – and that is archery. I mean it does have a little bit to do with work, because it’s meditative and very focused. But I don’t think of it as work, at all. It’s pure pleasure, and practice. It started because of Julia Cameron’s self-help book, The Artist’s Way, which I’ve mentioned earlier. The book tells you to take an “artist’s date” every week: to do something alone for an hour or two, that you enjoy, that doesn’t have a productive aspect. I was very resistant to this practice in the beginning of the 12-week program, but then I remembered that as a child I always wanted to do archery and I didn’t ever get the chance. So now I go every weekend on Sundays and shoot arrows for two hours – this is joy.

And then the fourth thing that I’m most proud of is that I’m working on a manuscript right now for what will become a book, one of my first as an author. The book has to do with the conceptual artist On Kawara; it’s called On Letters and touches upon Kawara’s lettering, but also his process, his constraints, artistic education, race and numbers and so many other things. And I think it’s definitely the most ambitious and vulnerable and wide-ranging writing I’ve tried so far. The manuscript will be done by the end of the year, the book will be published in 2021, and I will feel like I have accomplished something.

JSAnd was there also something in the last year that you would consider a failure?

PKFailure is a great, rich topic. Let’s see. Well, I’m going to just name a couple, and they’re all very personal. One definite failure is my health. After the first six week season of Present! in early May, I could barely get out of bed for weeks because of extreme back pain. Long story short, I injured my back and had three slipped disks from all of my time on Zoom. Since then, I’ve been in physical therapy starting in May or June. And my knee is now messed up as well. I think of both of these as failures because I was simple working too much, well beyond my limits, and I didn’t take care of myself. If I keep doing that, then eventually I might not be able to work at all – which would be no fun at all!

Other failures are about not being there for other people. Somebody very important to me, one of my mentors, who is older, lives in New York and is not very well. I haven’t been in New York this year, so I have not seen him since January 2020, and I feel like I have not been able to be as helpful as I could have or should have. Perhaps it is not a thing I could do differently given the pandemic, but it just feels like failure.

And then the other one that comes to mind is that I semi-forgot a friend’s birthday last week. I didn’t really forget it, but she sent me a birthday card and I knew it was her birthday, too, sometime soon. But I hadn’t written down exactly which day. Then I felt embarrassed, and then I didn’t write her a happy birthday. And now I feel even more guilt because I never wrote a happy birthday, even though I could have just said, “Hey, it was your birthday and I know it.” And I think probably what I should do is just write to her after this interview is done and say, “Hey, I’m so sorry I didn’t write to you last week. Happy birthday! I hope you had a great time, I want to see you soon. Thank you for the card you sent me!” And it’s probably fine, but it makes me feel a little guilty.

JSDo you think being able to work on interesting projects – be it design projects, curating projects or writing and publishing books – is going to be easier or harder for you in the future part of your career?

PKI think it may be easier for me, but that is also because I will likely change my expectations of things a bit. They have already shifted and maybe will keep shifting to be less about how things are received and more about what they do for other people or what they do for me within a smaller scale. I think it’ll be less important to me how many people like a thing or know about a thing I did. And maybe more important will be that the people who are involved in the thing find it very meaningful.

JSIn your office you’re mostly working alone, right?

PKMy colleague, Judith Gärtner, is here, but during COVID, she just comes in a week. And I share the office with Cabinet Magazine – but yeah, I work mostly alone, physically. Although that’s actually not totally true either, because I often collaborate with Emily Smith – we teach a lot together. She is also co-producer of Present!. But we don’t work on a day to day basis in the same space.

JSHow important to you is the intellectual exchange about your practice with colleagues?

PKIt’s extremely important. It’s the core of my work. It’s actually the thing which I feel most like I need more of right now, as a result of being in lockdown. So much of my work used to or still comes from talking with many different people from all contexts and hearing their ideas, prototyping ideas with them, synthesizing these into new ideas.

My life in – what you called – my more “jetsetter-mode” was so much about being in many places and just having flowing conversations with lots of heterogeneous folks. It’s harder to do that right now, particularly in the context of the last two to four weeks, with the election in the US.

I think everyone has different degrees of transparency or porosity that they incorporate into their practice; I think people have to know what they need in terms of feedback. Sometimes the problem can be that people put forward an idea that’s not yet ready for others to see. But, personally and professional, I find it super important to share unfinished ideas and allow them to resonate and gather critique.

I don’t tend to think of things as failures, because usually I learn something about what I ought to do differently next time. To paraphrase the famous Nelson Mandela quote: “I never lose, I either win or I learn.”

“Hey, if I have an idea and you want to do it, that’s great. One less idea I have to do.”

I do have one “failure” that comes to mind right now: a big curatorial project that I pitched and didn’t win a couple of years ago. The reason why I believe I didn’t get it was because I kept the idea too close to myself and didn’t share it with other people in advance, even though the project was actually completely structured around collaboration. I just kept working on it until the presentation and the jury’s rejection. Yet very quickly, within the next week, I had shown the proposal to colleagues and friends and immediately discovered its flaws and weaknesses. I reshaped it into what later became the project, Future of Futures. I’m not sad about this now, I think it’s a better outcome in the end. But if I think about that process critically, I might say; “Damn, if I had just shared it to even one other curator colleague before the presentation, if I had not held the proposal so close to my chest, I could have fixed some of the big problems in it. It still might have been rejected anyway – but it would have been so much further along.” This fear of sharing with others can come from a lack of trust – in oneself and in others.

There were moments in my life when I was more worried about people taking my ideas or something. Now I have the attitude, “Hey, if I have an idea and you want to do it, that’s great! One less idea I have to do.” Because I have an abundance of ideas. And I’d love to see them in the world, so go for it!” I’m not so precious about ideas anymore – it’s much more in the execution.

JSAre you involved in any kind of professional network or association or so?

PKI don’t think so. At least not any official ones for design or curatoring or writing or teaching, though I have lots of unofficial networks and associations.

JSConsidering exchange and community to be important – wouldn’t you like to be?

PKYes, perhaps. I have realized this week that I spend so much of my time creating structures for other people, to support each other, to have a meaningful dialogue, and all these things – and yet I don’t always have that for myself. I don’t have that solid group of people whom I can trust to hold space for me, whether a professional organization or not. I rarely find myself in a context where I’m not the one structuring the event space and where I am asked what is on my mind. I do have a therapist with whom I talk once a week. Also Emily and I talk a lot about what we’re doing in terms of work and teaching and other things. But having another context of community and support would be interesting.

JSWhat do you think of unions for cultural workers in general or graphic designers in particular?

PKI haven’t thought that much about unions for graphic designers specifically, but philosophically and politically there’s a lot about unions to be interested in. I’m actually reading Saul Alinsky’s “Rules for Radicals” right now, which is a classic book on political and labor organizing. Probably quite useful for graphic designers and other cultural workers and organizers, because it’s very much about tactics, strategy, and organizing.

I’m thinking about those things on a political level. But, personally – in a way, this is also the failure of my own imagination, my desire to stay small – rather than trying to organize things on a kind of macro-societal, top-down level, I’m currently more interested in frameworks like Richard D. Bartlett’s “Microsolidarity”, which focused on protocols for smaller scale groupings to mutually care and support each other – whether it’s of designers or anybody else.

A couple of years ago, I wrote a proposal for what I called “Workshop of Workshops”, a lightweight set of rhythms for how small groups of people, probably from like five to seven, could mutually support each other and also share their income, through a distributed sense of care. It’s very related to my current ideas and research and practice around Commune. I’ve been trying to realize something like that with lots of different people. Perhaps I’m getting closer.

JSImagine due to inheritance, unconditional basic income or winning the lottery, you would not be financially dependent on your work anymore. Do you think it would affect your practice in any way?

PKSure! Looking at my diagram I’d probably cut out all of the client based work, if I didn’t have to worry about money. There’s only one thing on that list that I would really keep doing, which would be the work for Formerly known as Witte de With, and that’s probably because it’s closer to a teaching and pedagogical project than a client project in structure.

“If we as a society talked more about money, then it would start to undo a lot of the existing capitalist systems of control.”

If I had all the money in the world, I would hire somebody who dealt with all of my administration and billing and invoices, especially my bookkeeping and accounting and taxes, and I would spend no time thinking about that. Also, I perhaps give up writing emails at all. I would become really old school and meet people in person or on Zoom and I would just talk to lots of people and make conversations my primary mode of communication. I would probably not edit so many things, like books or essays or collections. I would spend all of my time teaching, writing, creating performance lectures and publications, and organizing Commune. I might work in a smaller scale collaborative context like my “Workshop of Workshops” proposal, and share this extraordinary income with others. Those are the main things that would change. I think I would also just live with a lot less stress, which of course is generally a good thing.

JSAnd generally speaking, do you think cultural workers should talk more about money and income?

PKAbsolutely. Well, I’m not an economics person, I sadly never read David Graeber and I know I’m broadly generalizing, but I think if people, we as a society, talked more about money, then it would start to undo a lot of the capitalist systems of control that exist. Without trying to be highfalutin about it, I think people should talk about income and money. Money is a pretty essential ideology of our contemporary life. It’s deeply uncomfortable, but people who trust each other should absolutely talk about money.

Emily and I are buying an apartment right now. It’s deeply uncomfortable even to say that to you right now: We are buying an apartment in Berlin and we are buying that apartment in part with money that we have saved and in part with money that our parents are giving us. And that’s what it is. And it is uncomfortable, but it’s important to say, because it names the conditions. It says something about the means that I have and why I have those means that are actually not even my means. It’s what my parents earned, it’s what Emily’s parents earned, and the ways that they lived their lives that then allowed them to give us money to buy an apartment.

JSWhen you think about your own economic situation, do you consider yourself rather secure or insecure?

PKThis is always a question of perception versus reality. My perception is that I’m not economically secure – I am frequently worried that I won’t have the money to pay my bills or support my family or studio – but this probably comes from my upbringing as part of a first-generation immigrant family. My parents came to the USA without any money and on food stamps, so their early experience definitely shaped my childhood perceptions. That being said, the reality is that I am absolutely at the higher end of the financial spectrum, I might be more secure than 95 percent or more of the general population.

Eventually when my parents pass away one day, I will probably be left with some amount of money that would help me for a long time. Yet I also know that if any of my family would get really sick, if we couldn’t work for ourselves, if we were insufficiently insured, all this money could disappear in a second.

To a pretty significant extent the insecurity drives some of my overwork. I’m getting better at it, but there are a very limited number of projects over the last 20 years that I have said no to, because there’s always the fear, what if that’s the last project? What if nobody ever wants to hire me again? What if I won’t have enough money to live?

It’s gotten a bit different over the last five years or ten years as I’ve become older. Of course, I’m a little choosier now about certain things, but there’s still a base level sense of insecurity that, whether real or not, means that it’s hard to set boundaries on how much one should work. 2021 will hopefully change this!

JSWhat do you earn in an average month?

PKIt’s very hard to say because my income comes from so many different places: I have a salary from my studio Wkshps and then I have my freelance curatorial work from things like FRONT 2022, then I have all the teaching stuff and lectures and writing other things I’m doing. But realistically, I’m probably making between 10 and 12 thousand euros a month gross, before taxes.

Page of Prem’s notebook

JSNow onto something else: I would like to ask you about your notebooks. You work a lot with your notebooks, as far as I know, and you have them already for a long time, right?

PKYeah.

JSHow does the documentation and archiving influence your work?

PKI’ve kept some form of a notebook since I was probably 16 or 17. But this is not comprehensive, it’s very scattered nowadays. I have several different systems:

First, there are the project notebooks, which are black. These include just about every meeting or conversation I have, whether professional or personal. They include a lot of notes, which I have a system for recording. I really try to be as best of a listener as I can. So I try to track everything that people say in one column and then in the second column to the right, I track my own thoughts or responses to it. I try to take in people’s information and then also reflect on it, but keep those strands separate, so that I know what I’m hearing versus what I’m interpreting or projecting.

Since I started The Artist’s Way in late April, I have a second set of brown kraft notebooks. In addition to the “Artist’s Dates” I mentioned before, author Julia Cameron asks you to keep “Morning Pages”, which means that every day you are supposed to write three pages of stream of consciousness, long-hand, first thing in the morning for 12 weeks. That’s actually the book’s main practice. I haven’t totally kept up with this every single day now since I finished the initial 12 weeks, but I do it many days. So this is a whole other set of notebooks.

And then I also have another set of little notebooks that are truly personal – like a journal – but I don’t write them that much anymore because I have so many other notebooks.

By the way, I have a whole theory about why The Artist’s Way recommends keeping these morning pages. Basically, my belief is that the core is that you’re spending your first 30 to 40 minutes every morning doing something that is manually focused, very meditative, and not intended to be directly productive. It’s not about making a finished thing, it’s just about getting into a flow. It primes you for the rest of the day.

I think Julia Cameron asks people to write “Morning Pages” because she comes to creative practice as a writer. I think that you could also just as well keep a sketchbook and draw for 30 minutes or mold clay for 30 minutes as soon as you wake up. It might be similar, although you might end up less explicitly self-reflective and articulate about your practice. But could you also just meditate for 30 minutes or do yoga for 30 minutes and have the same effect? I think you could do that and it’d be great for you, but it might have a different result. Cognitively, it might do similar things in the body, because I do think about writing morning pages as being a form of meditation – it just becomes so automatic and centering. But the difference, I believe, is that, for better or for worse, the role of the artist is constructed by the idea of ego. And ego, individuality and sense of self is created retrospectively. It’s created in memory.

So, what I’m saying is that if you decided as a person to spend the first 30 minutes when you wake up meditating – if you had the privilege, the luxury, the opportunity, and the discipline to do it – you probably would also be a happier and more grounded person than without this practice. But you might not end up thinking of yourself as a creative person, because you would not consider this meditative practice productive. But the use of a journal is that it leaves a trace. I can still go back to a journal from 1999 and see that, weirdly, I have very similar thoughts to the person who had thoughts in 1999. If you asked me, I would usually say, oh, I’m a totally different person than I was 20 years ago. But, actually, looking at my notebooks, in some ways I’m not. The circumstances have changed and I have changed, but there are many ideas that I share with that “Prem” from 1999. This idea of continuity, illusory or not, is what allows me to construct the idea of “me” as an individual and the idea of me as an artist over time.

“It’s not about making a great thing once, it’s about being able to make things and be the way you want to be for however long you’re blessed to have in the world.”

JSIs there – regarding the topic of work – an experience that you would have liked to have had earlier or some kind of realisation that you would have liked to have gained earlier?

PKSafety! There’s no way to make this happen, but I think if I had just had a sense of safety, if my younger self had just known that things were going to be OK, and that I had intrinsic value apart from what I produced – something every human deserves – that probably would have changed a lot.

JSIs there any advice you would like to share with colleagues, especially those who are just starting out in their careers?

PKSounds pithy, but I would just say: try to find a daily practice, try to find a way of working, that you can and want to do over a long time. There are always going to be peaks and troughs, busy and calm times. But I’m learning more and more now that it’s not about making a great thing once, it’s about being able to make things and be the way you want to be for 20, 30, 40, 50, 60 years, however long you’re blessed to have in the world, and to make something that’s meaningful to yourself and to others.

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Jakob Kirch

Jakob Kirch lebt und arbeitet als Grafik­designer in Lei­pzig und betreibt zusammen mit Florian Lamm seit 2012 das Studio Lamm & Kirch. Das Studio entwickelt Bücher, Plakate und Erscheinungsbilder für diverse Kulturinstitutionen und wurde bereits mehrfach prämiert, unter anderem durch die Biennale de design graphique de Chaumont, Graphic Design Fes­tival Scotland, Die schönsten Schweizer Bücher, Die schöns­ten Deutschen Bücher und 100 beste Plakate. Darüber hinaus waren sie 2014 auf der Shortlist des renommierten Walter-Tiemann-Preis und wurden 2018 mit dem Award of the Mayor of the City of Brno for a Graphic Artist of the Brno Biennale ausgezeichnet.

Jakob studierte an der Hochschule für Grafik und Buch­kunst Leipzig und schloss das Studium 2008 mit seinem Diplomprojekt Platz ist wos hinkommt bei Günter Karl Bose in der Klasse Typografie ab. Darauf folgte ein Studium als Meisterschüler. Seit 2005 und bis zur Gründung von Lamm & Kirch arbeitete Jakob selbständig in verschiedenen Konstellationen.

Jakobs Arbeitsplatz befindet sich in einem Leipziger Gemeinschaftsbüro, das er sich mit Konrad Renner und dem Schriftkollektiv Camelot (Wolfgang Schwärz­ler, Katharina Köhler, Maurice Göldner) teilt. Auf Grund der COVID-19-Pandemie arbeitet er jedoch derzeit meistens in einem provisorischen Arbeitszimmer von zuhause aus.

Das Interview fand am Dienstag, dem 9. Februar 2021, als Videogespräch über Zoom statt. Jakob Kirch nahm aus seinem Arbeitszimmer am Interview teil.

JSWoran arbeitest du heute?

JKIch arbeite an Korrekturen für ein Erscheinungsbild eines Schweizer Museums, das ich zusammen mit Konrad Renner entwickelt habe. Ansonsten steht auf meiner Liste für heute: ganz viele Emails schreiben und noch zwei Anzeigen fertig machen. Ich habe heute – trotz Corona — eigentlich viel zu viel zu tun. Es ist eine utopische Liste, die ich heute eh nicht schaffen werde. Ansonsten hangele ich mich von Zoom-Konferenz zu Zoom-Konferenz. Ich treffe mich faktisch gerade mit niemandem mehr persönlich, alles läuft ausschließlich digital. Manchmal klappt das gut, manchmal auch überhaupt nicht, denn die physische Präsenz des Gegenüber ist schon wichtig.

Plakat von Lamm & Kirch für »Nature of Robotics«

JSWie strukturiert sich dein Arbeitstag?

JKIch bin ab 6 Uhr wach, denn meine Frau und ich haben drei Kinder im Alter von sieben, vier und einem Jahr. Wir sind schon ewig lange, seit November, zusammen zu Hause und haben hier gerade Homeschooling, Home-Kindergarten und Home-Babybetreuung. Wir haben echt super viel als Familie zu tun. Das ist für die Arbeit nicht optimal. Ich kann mich tagsüber mal für zwei Stunden in dieses kleine Arbeitszimmer abseilen, aber das heißt lange nicht, dass dann Ruhe ist.

Das heißt meine Arbeit ist real gerade Nachtarbeit, weil tagsüber zu arbeiten eigentlich keine Option darstellt. Dass es draußen gerade schneit ist genial. Da kann ich nachmittags drei Stunden mit den Kindern rausgehen, dann habe ich ab acht Uhr abends meine Ruhe. Ich arbeite dann bis zwölf und wenn es länger dauert, dann auch mal bis um drei. Das Problem ist, dann trotzdem um sechs wieder aufzustehen. Ein bisschen Schlaf brauchst du, sonst bist du am nächsten Tag im Arsch.

Arbeit ist momentan Raubbau an Körper und Gesundheit, wie man es eigentlich auf keinen Fall tun sollte. Diese Mehrbelastung erlebe ich seit dem Frühjahr 2020. Das ganze Jahr ist, was die Vereinbarung von Arbeit und Familie angeht, absoluter Pain. Aber die Situation lässt gerade eben auch nicht mehr zu. Ich kann niemandem wirklich einen Vorwurf machen. Es ist halt so. An manchen Tagen kann man darüber lachen, an anderen hält man es eigentlich nicht mehr aus.

Im Grunde arbeite ich gerne nachts. Das habe ich auch früher schon gerne gemacht. Wenn alles ruhig und dunkel ist, habe ich eine besondere Form der Konzentration. Ich arbeite eigentlich nicht gerne mit anderen Leuten zusammen, zumindest nicht in Phasen des Ausprobierens. Erst danach gibt es eine Gesprächsgrundlage, über die man sich austauschen kann.

Ich bin jemand, der Bilder baut, deswegen finde ich auch Poster so spannend. Das Plakat oder das Bild erklärt einen Kosmos, indem sich verschiedene Dinge abbilden müssen. In meiner gestalterischen Arbeitsweise braucht es eine gewisse Zeit und Konzentration, um ein Bild zu entwickeln. Diese Entwicklung ist ein Dialog, den ich mit meinem Entwurf führe. Das geschieht z. B. auch durch Selbstgespräche. Und es ist nervig, wenn da andere Leute dabei sind. Im Büro ist es mir dafür oft zu laut und wuselig.

»Die Entwurfsphase ist für mich ein dialogischer Prozess, wie eine Beziehung, die du aufbaust.«

Abends oder nachts alleine im Büro zu sein, ist für mich eine gute Situation um zu Lösungen zu kommen. Leider fällt es gerade extrem schwer, eine ruhige Umgebung herzustellen, in der ich mich konzentriert mit Entwürfen auseinander setzen kann. Die Entwurfsphase ist für mich ein dialogischer Prozess, wie eine Beziehung, die du aufbaust. Du kreierst ja etwas, wie Lehmklumpen, die du zum Leben erweckst.

JSWann fühlt sich ein Arbeitstag für dich erfüllend an?

JKWahrscheinlich wenn ich mal die Ruhe habe, etwas zu tun. Ich denke weniger in Arbeitstagen, sondern eher in Wochen, in Zyklen, in Projektabschnitten und in abgeschlossenen Projekten. Mein Arbeitstag ist eigentlich nie vorbei. Es gibt immer eine Liste, die sehr lang ist, mal länger und dann mal wieder kürzer wird. Das hat unter anderem mit meiner Familie zu tun, die Teil meines Arbeitsprozesses ist. Sie ist gleichzeitig stärkster Antrieb und stärkste Bremse.

Ein idealer Tag wäre für mich, wenn ich die Kinder wieder morgens zur Schule und zum Kindergarten bringen könnte, meine Frau sich um unser extrem entspanntes Baby kümmert und ich dadurch siebeneinhalb Stunden Arbeitszeit hätte, bevor ich die beiden anderen Kinder um 4 Uhr wieder abhole. In diesen siebeneinhalb Stunden schaffe ich natürlich viel mehr als nachts, wenn ich schon total alle bin. Das wäre für mich ein idealer Tag – unabhängig vom Inhalt. Der Inhalt wäre dann die zweite Stufe. Ich habe einfach ein Arbeitszeitproblem. Für mich ist es gerade ein Luxus, Zeit zum Arbeiten zu haben. Deswegen kann ich die Frage gar nicht mehr so richtig beantworten.

Meine derzeitige Nachtarbeit und meine beschränkten Arbeitsmöglichkeiten belasten natürlich auch die Zusammenarbeit bei uns im Office. Im Gegensatz zu mir kann Flo [Florian Lamm] wenn er will am Tag 16 Stunden arbeiten und dadurch in der Zeit einfach mehr machen und mehr organisieren. Und das führt natürlich auch zu einem Missverhältnis. Das wissen wir beide, aber es fühlt sich trotzdem manchmal scheiße an und führt zu Spannungen.

Die ganze Projektlage ist durch Corona natürlich sowieso angespannt. Das ist für alle Kacke. Alle haben gehofft, dass sich das dieses Jahr [2021] schlagartig ändert, ist aber bisher nicht passiert. Und das wird auch noch ewig dauern, bis sich das ändert. Mal gucken, wie lang unser Atem ist, auch was das Finanzielle angeht. Es ist nicht so, dass das jetzt eine entspannte Situation wäre, wir krasse Rücklagen hätten und wir deswegen jetzt einfach mal ein Jahr lang nicht arbeiten müssten.

Irgendwie sind wir noch halbwegs guter Dinge, aber mal gucken, wie das mittelfristig so weitergeht. Wir sind abhängig vom Zustand des Kulturbereichs, in dem wir arbeiten. Die Kultur in Deutschland ist gerade zu 100% von irgendwelchen Fördertöpfen abhängig und ich bin mir nicht sicher, wie lange diese Fördertöpfe weiter so funktionieren. Keine Ahnung.

Weil wir in unserer Arbeit starke Spezialisten sind, gibt es keinen Plan B, außerhalb von Kultur zu arbeiten. Es klappt nicht, wenn wir jetzt plötzlich anfangen würden, Werbung für Autoreifen zu machen. Mal davon abgesehen, dass ich das nicht will.

JSIn einem Interview hast du mal gesagt, dass ihr nie einen Job nur des Geldes wegen akzeptiert habt. Und in einem anderen Vortrag meintest du, dass ihr keine Bullshit-Aufträge, z. B. für dumme Werbung annehmen würdet. Wie habt ihr es euch ermöglicht, da so wählerisch sein zu können?

JKDas klingt vielleicht ein bisschen albern, aber das hat sich so ergeben. Also natürlich hatten wir da nie Bock drauf. Bei mir hat das auch damit zu tun, dass ich eine Zeit lang während des Studiums beim Grafikdesign-Studio cyan in Berlin gearbeitet habe. Das Studio wird von Daniela Haufe und Detlef Fiedler geleitet, die damals meine Professoren waren. Die haben ebenfalls eine ziemlich strikte Ethik, für wen sie in welchem Zusammenhang arbeiten. Das hat mich nachhaltig beeindruckt. Dementsprechend war das eine Frage, die wir uns auch bei Lamm & Kirch ziemlich oft gestellt haben. Wir haben gesagt, wir probieren das und versuchen das so weit, wie es irgendwie geht, hinzubiegen. Das hat bis jetzt funktioniert.

Ein paar krasse Konstellationen verbieten sich sowieso grundsätzlich aus meiner politischen Haltung heraus: Würde ich für NPD oder AfD arbeiten? Natürlich nicht. Es gibt im Kultursektor auch Projekte, die an gewisse Parteien geknüpft sind, z. B. über die Fried­rich-Ebert-Stiftung an die SPD. Da fällt es mir schwerer eine allgemeingültige, scharfe Grenze zu ziehen. Ist das jetzt schlimm, was für die SPD zu machen? Kann ich gerade nicht beantworten, aber ich würde es sicher nicht von vornherein ablehnen.

Ich meine, wir haben ja auch schon für das Goe­the-Institut und für das IFA (Institut für Auslandsbeziehungen) gearbeitet. Wir arbeiten eigentlich sehr viel für Institutionen, die vom Bund und von Ländern gesponsert werden und dadurch direkt oder indirekt auch an Parteien hängen. Was heißt das dann? Bin ich dann quasi für die CDU, weil ich für ein Museum arbeite, das seine Gelder von einer CDU-regierten Stadt erhält?

Ich sehe mich jetzt nicht als politisch aktiver Grafiker, der sein komplettes Werk – ich bin jetzt mal ganz eklig polemisch – nach einem marxistisch-leninistischen Grundsatz ausrichtet. Ich glaube auch an eine gewisse freie Wirtschaft und so weiter, ich bewege mich ja auch da drin. Und ich glaube, dass es einen gewissen Wettbewerb benötigt, dem ich mich in irgendeiner Form wohl stellen muss.

Ich glaube, wir bewegen uns in einem System, in dem wir es uns leisten können, das zu tun, was wir tun und in dem Maße, in dem wir es tun möchten. Ich bin mir ziemlich bewusst darüber, dass, wenn ich in einer anderen Gesellschaft, oder in einer von Armut bedrohten Situation leben würde, ich meine Ideale sehr schnell weniger hoch halten würde. Ich bin als DDR-Kind groß geworden, sozialisiert und auch stark geprägt durch mein Elternhaus, das eine gewisse Widerstandshaltung hatte. Ich komme aus einer ziemlich großen Familie, die irgendwann den Widerstand nicht mehr so laut formulieren durfte. Ich verstehe mittlerweile mehr und mehr was das bedeutet. Meine Mutter war als Hausfrau mit meinen vier Brüdern und mir zuhause und hat uns irgendwann klargemacht, dass wir es uns nicht leisten können, das unser Vater ständig auf irgendwelche Demos gehen kann, weil nicht klar war, wie es weitergehen würde. Und dann fängst du ziemlich schnell an, darüber nachzudenken, ob du deine Ideale vielleicht doch besser etwas passiver vertreten solltest.

Ich kenne das auch von mir. Ich bin bei uns, momentan zumindest, der, der einen Hauptteil vom Geld verdient. Meine Frau Nadine ist Illustratorin und verdient weitaus weniger Geld als ich. Und ich würde jetzt zwar nicht für Audi arbeiten, aber wenn ich die Möglichkeit hätte, für etwas zu arbeiten, das ich halbwegs mit mir vereinbaren kann, um danach ein halbes Jahr Ruhe zu haben, würde ich das nicht ablehnen. Das würde ich jetzt gerade, vor allem in dieser Zeit, eher machen, als noch vor zwei Jahren. Ich muss eben dieses Familienunternehmen irgendwie am Laufen halte. Und du brauchst mit einer fünfköpfige Familie, selbst wenn du wenig Geld ausgibst, also wir haben kein Auto oder sowas, trotzdem wenigstens zweieinhalbtausend Euro im Monat, um die laufenden Kosten und die Grundversorgung zu decken.

Jakobs Desktop

Alleine kann man sich irgendwie immer noch ganz gut durchwurschteln. Dann isst du halt ein halbes Jahr lang nur Nudeln mit Ketchup und lässt dich von deiner Familie einladen, wenn du mal Vitamine brauchst. Ich befinde mich jetzt aber in einer Situation, in die ich nicht zufällig reingerutscht bin, sondern die ich durchaus so gewollt habe und die mir auch aus meinem eigenen Elternhaus schon bekannt war.

Über die Probleme, die ich aufgrund meiner Lebenssituation habe, z. B. eine bezahlbare Wohnung für eine kinderreiche Familie zu finden, hätte ich wahrscheinlich vor 7 Jahren gelacht. Was natürlich auch wiederum mit meiner Arbeit zu tun hat, weil wenn wir uns auf irgendeinen Bauernhof zurückziehen würden, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass meine Arbeit fresh bleibt, relativ gering. Der Wohnort hat einen enormen Einfluss darauf, wie du arbeitest. Du brauchst einen Humus um dich herum, um daraus zu schöpfen. Ich glaube nicht, dass dieser metaphorische Humus unbedingt dort zu finden ist, wo normalerweise tatsächlich viel Humus zu finden ist. Es braucht eine gewisse urbane Struktur, in der Austausch stattfindet. Und ich glaube immer weniger daran, dass dieser Austausch über digitale Plattformen stattfinden kann. Die physische Erfahrung, innerhalb eines persönlichen Gesprächs, ist nachhaltiger und intensiver.

JSWas du gerade gesagt hast zeigt doch auch ein Dilemma auf, in dem sich viele, vor allem Berufsanfänger*innen, befinden. Einerseits benötigt man diese urbanen Strukturen, muss am Zahn der Zeit sein, an dem Ort an dem die Dinge passieren. Andererseits sind dort auch die Lebenshaltungskosten maßgeblich höher, was es schwieriger macht bei Aufträgen wählerisch sein zu können.

JKEs ist schon möglich in einem ländlichen Gebiet oder in einer Provinzstadt selbst eine fruchtbare Umgebung herzustellen. Dafür brauchst du eine Art von Community, eine Gruppe von Leuten, die mitmachen. Allerdings benötigt es auch fortlaufende Fluktuation, nachdem die Anfangsmotivation nach zwei Jahren versiegt. Wenn du dauerhaft auf künstlerischen Input von außen angewiesen bist, ist eine kleinere Stadt natürlich weniger attraktiv, als eine Großstadt, wo die Wahrscheinlichkeit des Inputs von außen maximal größer wird.

Ich selbst brauche diesen Input von außen nicht immer. Vielmehr brauche ich den Dialog mit mir. Ich setze mich eher in meine Kammer und fange an, mit den mir verfügbaren Dingen taktil zu arbeiten. Ich habe auch festgestellt, dass ich meinen Computer eigentlich analog benutze. Ich arbeite nicht mit Automatisierungen, denen traue ich nicht richtig. Ich benutze InDe­sign ähnlich wie ein Skizzenbuch, skizziere darin herum und daraus ergibt sich etwas.

Es gibt ja gerade dieses ewige Gelaber über generatives bzw. generisches Design. Die Diskussion darüber, dass dir der Computer per Zufall eine Form generiert.

»Generatives Design degradiert dich vom Kinobesitzer zum Kartenknipser.«

JSSuper, dann müssen wir nicht mehr arbeiten.

JKDas ist keine Arbeitserleichterung. Stattdessen wird dir das Einzige genommen, das an dem Job Spaß macht. Ich halte es für ein riesengroßes Problem, wenn sich Grafiker ihre Form vorschreiben lassen – durch ein Programm, durch Zufall. Das hat auch etwas mit Verantwortung zu tun. Du bist dann nicht mehr für die Form verantwortlich, sondern nur noch dafür, dass du auf einen Knopf drückst. Das halte ich für extrem problematisch.

«Der Zufall wird Gestalter« klingt erstmal cool, allerdings macht dich das nach hinten raus zwar nicht arbeitslos, aber es degradiert dich eigentlich vom Kinobesitzer zum Kartenknipser und macht dich abhängig von einer Plattform. Dir wird immer suggeriert, dass dir Zeit geschenkt wird, aber das stimmt nicht.

Grafikdesign ist ja das Herstellen einer Konstellation von verschiedenen festen und freien Dingen. Du bist der Konstellator und stellst sie in Beziehung zueinander. Im weitesten Sinne wie ein Regisseur oder Komponist. Das ist das einzige, was eigentlich cool ist am Grafikdesign, denn da bist du mal ganz kurz Hobby-Gott. Und du kannst durch deine Expertise für die Konstellation argumentieren, die du am sinnvollsten hältst. Wenn dir jetzt genau dieser einzige spaßige Moment genommen wird und du nur noch ausformulierst, was dir eine Maschine vorsetzt, dann nimmst du dir die Butter vom Brot. Eigentlich nimmst du sogar das Brot weg. Das ist total für’n Arsch, finde ich richtig daneben.

Das ist eine große Diskussion, die wir auch hier intern in unserem kleinen Versuchslabor führen. Flo ist echt ziemlich technikaffin und ich bin dem gegenüber eher kritisch.

JSSiehst du dich selbst als beruflich erfolgreich?

JKJa, ich vermute schon.

JSWas glaubst du, hat zu deinem Erfolg beigetragen, ist es Fleiß, Talent, Glück oder etwas anderes?

JKIch glaube, das ist vor allem Fleiß. Grafikdesign ist eigentlich ziemlich langweilig und das, was du lernen kannst, ist relativ überschaubar. Wenn du dich dem aussetzen willst und fleißig bist, kriegst du das hin. Wenn du dann eine Idee davon entwickelt hast, wie Arbeit für dich aussehen kann, braucht es auch Fleiß, um von da aus weiterzumachen und sich nicht darauf auszuruhen. Ansonsten bist du quasi ein One-Hit-Wonder. Wenn du einen Gestaltungsmoment entdeckt hast, der dich interessiert, und du den immer wieder durchspielst, dann verzweifelst du irgendwann. Das ist wie so ein schlechter Pop-Hit. Das geht nicht für immer. Du musst lernen, eine Varianz zu entwickeln und auch das hat etwas mit Fleiß zu tun.

Wenn du darauf hoffst, von 9 bis 15 Uhr ins Büro zu gehen und deinen Job dort lassen zu können, um nach Feierabend deinen Hobbys nachzugehen, dann kannst du es halt vergessen. Das geht einfach nicht. Das ist wie bei einem Künstler. Es gibt auch nicht den genialen Künstler, der drei Striche macht und den Rest des Tages Rotwein trinkt. Das sind Klischees, die dazu dienen eine Idee eines freiheitlichen Berufsbilds zu generieren. Das hat nichts mit der Realität zu tun. Du musst dich dem aussetzen, du musst reingehen, das hat auch viel mit Schmerz zu tun, mit Fleiß und auch mit Leidenschaft – schlimmes Wort. Und du musst wissen, dass du damit nicht reich wirst.

Hätte ich vor der Studienwahl gewusst, was das irgendwann mal für meine Lebenssituation mit Familie bedeutet, in der es eine gewisse Notwendigkeit gibt, Geld zu verdienen, wäre mir dieser Weg weit weniger sinnvoll erschienen. Wir haben nicht wirklich eine große Sicherheit in diesem Berufsstand. Das ist alles ziemlich risikobehaftet. Ich habe auch keine Ahnung, wie das später mal mit der Rente wird. Deswegen habe ich ja drei Kinder, die das für mich dann klären müssen.

Für Leute, die eine Form von Sicherheit haben wollen, ist der Job maximal ungeeignet. Aber das ist eigentlich jede Form von freischaffender, kulturschaffender Tätigkeit. Sicherheit macht natürlich auch faul und Unsicherheit dient als Antriebsfeder.

Es gibt auch keine Lobby, die uns vertritt. Grafiker*in ist kein geschützter Begriff. Jede*r kann sich Grafiker*in oder Kommunikationsdesigner*in schimpfen. Wir haben auch keine Innung, wie es die Architekt*innen haben.

Lamm & Kirch präsentieren ihre Arbeitsweise

JSSollte es eine Grafikdesign-Innung geben?

JKVielleicht. Ich bezweifle, dass Leute bereit wären, dafür zu zahlen. Jede Lobbygruppe, jede Gewerkschaft, lebt ja von Mitgliedsbeiträgen. Und den Geruch des Einzelkämpfers, das Selbstverständnis als Hobby-Cowboy, will womöglich nicht jeder aufgeben.

Es müsste auch eine andere Debattenkultur geben, damit Beteiligte ihre Interessen formulieren. Diese Debattenkultur gibt es an Hochschulen, allerdings dort eher von theoretischer Natur. In der Arbeitswelt ist sie weniger ausgeprägt, weil die dich eben zum Einzelkämpfer macht. Das bringt die Natur der Arbeitswelt mit sich: Du hast mit anderen Grafiker*innen nichts zu tun. Als Rechtsanwält*in hast du immer mit anderen Rechtsanwält*innen zu tun. Klar haben wir auch mit Grafiker*innen zu tun, aber wir treten in eine andere Form von Kommunikation zueinander. Selbst die guten Kolleg*innen werden irgendwann mal zur möglichen Konkurrenz. Das ist manchmal sogar im Studium schon so, aber das wird später nochmal viel deutlicher. Und das kann schon schmerzen, wenn dir Freund*innen oder bekannte Kolleg*innen einen potentiellen Job vor der Nase wegschnappen.

Um das Ganze durchzustehen brauchst du einen recht langen Atem. Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich angestellt in einer Agentur arbeite, oder ob ich Verantwortung für eine eigene Firma übernehme, wie Flo und ich. Wir arbeiten ja auch mit Freelancern zusammen, für die das etwas entspannter ist. Die sind flexibler und können im Notfall woanders hingehen. Wenn meine Firma den Bach runter geht, weil wir kein Geld verdienen, muss ich meine Freelancer trotzdem bezahlen.

Das Studio trägt ja auch den nicht unerheblichen Teil der Akquise-Arbeit, dafür muss man dranbleiben, muss wissen, wo passiert gerade was und wo sind die spannenden Dinge. Das Netzwerken übernimmt bei uns dankbarerweise zu großen Teilen gerade Flo. Das liegt auch an unseren unterschiedlichen Lebensrealitäten. Ich stehe gerade drauf, wenn ich einfach mal Ruhe habe und Flo will keine Ruhe, sondern genau das Gegenteil.

JSUm nochmal auf die Konkurrenz unter befreundeten Designer*innen zurückzukommen: Da würde doch mehr Absprache bzw. »Kartellbildung« helfen, sich nicht gegenseitig zu unterbieten.

JKDas haben wir auch schon gemacht. Dafür muss natürlich zuerst herausgefunden werden, wer für diesen Auftrag sonst noch ein Angebot schreibt und dann gibt man Angebote in gleicher Höhe ab, damit sich die Auftraggeber*innen an Hand des Entwurfs und nicht für den günstigeren Preis entscheiden. Das kann man machen und das funktioniert auch manchmal ganz gut. Oder in einer anderen Situation haben wir mal zusammen mit anderen Grafiker*innen ein gemeinsames Statement dazu abgegeben, dass ein Auftrag zu den vorgegebenen Konditionen – mit unverschämt niedrigem Budget – nicht möglich ist. Das sind aber Einzelaktionen.

Von der AGD (Allianz deutscher Designer) gibt es ja diesen Katalog mit Preisempfehlungen, den Vergütungstarifvertrag. Der scheint für Kunden à la süddeutsche mittelständische Unternehmen entwickelt worden zu sein, denn der hat mit unseren Aufträgen nichts zu tun.

Wir sind mittlerweile häufig dazu übergegangen, uns bei den potentiellen Auftraggeber*innen nach ihrem verfügbaren Budget zu erkundigen und dementsprechend anzubieten, was sich dafür tun lässt. Man entwickelt im Umgang mit Aufträgen und Anfragen neue Strategien. Es ist wie bei einer Buchproduktionen, bei der man nicht nach einem Angebot gefragt wird, stattdessen lautet die Frage: »Wir haben 20 000 Euro, was ist dafür möglich?«

Durch diese Umkehr-Logik wird natürlich auch das Management der Finanzplanung zu deinem Job, so dass du selbst dafür sorgen musst, dass du hoffentlich am Ende überhaupt noch etwas damit verdienst.

Als Grafiker*in musst du clever sein und mit in Betracht ziehen, welche Erfahrungen du in einem Projekt gewinnst, die du mit in das nächste Projekt nehmen kannst. Du musst aus jedem Job lernen. Und wenn die Erkenntnis aus dem Job ist »Nie wieder!« und du diese Erkenntnis aus jedem Job ziehst, dann solltest du aufhören als Grafiker*in zu arbeiten. Das ist auch eine Erkenntnis. Natürlich sollte die Erkenntnis idealerweise ein bisschen differenzierter sein.

»Talent ist überbewertet.«

Sich weiterzuentwickeln ist kein Selbstläufer und hat auch nur begrenzt mit Talent zu tun. Talent ist überbewertet. Das hat einfach extrem viel mit Arbeit zu tun. Kein Ding, das ich je gemacht habe, habe ich in einer Nacht mal schnell fertig gekloppt. Du musst viel ausprobieren und darfst dich nicht mit dem ersten Ergebnis zufrieden geben, sondern musst immer weiter daran arbeiten, bis es irgendwann gut wird. Du musst auf die Aufgabe und auf die Leute eingehen, sie mitnehmen und dann gemeinsam das Ding modellieren. Und das dauert in der Regel recht lange.

JSWie würde es sich wohl auf deine Arbeit auswirken, wenn du jetzt doch auf einmal finanzielle Sicherheit hättest z. B. aufgrund eines Erbes, eines bedingungslosen Grundeinkommens oder eines Lottogewinns. Glaubst du, das würde deine Arbeitsweise verändern?

JKKann ich dir nicht sagen. Ich glaube nicht. Natürlich ist alles, was eine Form von Planungssicherheit gibt, nicht schlecht. Deshalb gehen ja viele Leute in die Lehre. Oder versuchen, sich irgendwo anstellen zu lassen und sich dort auch in irgendeiner Form ausbeuten zu lassen und das zu einem extrem schmalen Taler, weil sie diese Sicherheit wichtiger finden als selbständig mehr Geld zu verdienen.

Es gibt diese extrem enge deutsche Fokussierung darauf, dass du jeden Monat genug Geld verdienen musst. Ich würde mein Gehalt eher als Jahresbilanz und nicht als Monatsbilanz betrachten. Das kann schon passieren, dass ich drei Monate lang keinen einzigen Cent verdiene und dann beziehe ich im vierten Monat 10 000 Euro, weil dann endlich dieser eine dicke Job ausbezahlt wird.

Betrachtet man die Jahresbilanz verdiene ich wahrscheinlich mehr als jemand, der in einer vergleichbaren Tätigkeit angestellt ist. Dazu macht es mir auch mehr Spaß und ich kann mir die Freiheit nehmen zu sagen, dass ich heute mit meinen Kindern raus in den Schnee gehe. Das können viele andere Leute nicht. Oder wenn ein Kind krank ist, bleibe ich einfach zu Hause. Du musst natürlich trotzdem die Arbeit machen, kannst sie aber viel flexibler gestalten.

Ich hab das auch nie anders gemacht. Also ich war nie angestellt. Ich kenne diesen Zustand nicht, angestellt zu sein. Natürlich bringt eine regelmäßige Arbeit Sicherheiten, aber es hat doch auch extrem viele Nachteile und mein Leben ist nicht darauf ausgebaut, dass ich regelmäßig irgendwo erscheine. Es geht nicht, kannst du vergessen.

Ich würde auch z. B. von so etwas wie komplett ausgearbeiteten Businessplänen abraten. Diese glatt-wolkigen Konzepte, die man haben muss, wenn man so cool, neu und startup-mäßig unterwegs ist. Das halte ich für schwierig, weil sich unsere Tätigkeit so kaum darstellen lässt. Der Plan ist ja einfach: Du musst halt versuchen, so viel Geld wie möglich zu verdienen. Es klingt ein bisschen doof, aber du kannst dich nicht zuhause hinsetzen und darauf warten, dass irgendetwas passiert.

Ich glaube auch daran, dass sich Qualität irgendwie durchsetzt, aber natürlich musst du deine Qualität auch verkaufen wollen. Da musst du notfalls über deinen eigenen Schatten springen. Mir macht Verkaufen keinen Spaß und ich bin extrem froh, dass es Flo gibt, dem das etwas weniger schwer fällt, der sogar eine Freude daran entwickeln kann. Am liebsten mache ich einfach Grafik und gucke, wie man zu einer gewissen Lösung kommt, die den Leuten tatsächlich etwas bringt und die irgendwie visuell interessant ist.

Also ich würde nie etwas machen, das mir nicht gefällt. Das ist mir eigentlich am wichtigsten. Ich hätte kein Problem damit, einen Job für Dämmwolle, Baumärkte oder Holzhäuser oder etwas anderes zu machen, bei dem ich das Gefühl habe, dass es eigentlich ein cooles Produkt ist. Ich bin nur nicht in der Range, wo jemand überhaupt auf die Idee kommen würden, mich für so einen Job anzufragen. Weil, wie überall, gibt es auch in diesen Sparten gewisse ästhetische Vorstellungen, wie sowas auszusehen hat. Es gibt eine Ästhetik, in der die zu Hause sind und die nicht gebrochen werden soll. Dafür bin ich mittlerweile wahrscheinlich zu speziell qualifiziert.

Einen geilen Katalog für Holzhäuser zu gestalten fände ich trotzdem wirklich spannend. Ich würde nicht ausschließen, dass das irgendwann mal kommt. Ich kenne Grafiker aus der Stuttgarter Umgebung, die machen ein-, zweimal im Jahr einen Geschäftsbericht für ein mittelständisches Unternehmen und verdienen damit ihre Jahresmiete. Und den Rest des Jahres können sie sich den Projekten widmen, die sie spannend finden und mit denen sie sich dann nach außen präsentieren.

Dafür kenne ich leider nur nicht die richtigen Leute, denn im Osten gibt es diesen gewachsenen Mittelstand eigentlich nicht. Stattdessen hast du hier Amazon, Porsche, BMW – Großunternehmen, die hier nach der Wende draufgesetzt worden sind. Kulturell ist Leipzig natürlich cool, aber es ist ein ganzer anderer Humus, als der Stuttgarter Raum mit Bosch und seinen vielen Zulieferfirmen und so weiter. Da gibt’s eben auch die sozialen Beziehungen. Deswegen mache ich wahrscheinlich auch das, was ich tue, weil die Leute, die ich kannte und kenne, sind nun mal alle Künstler. Und daraus ergibt sich wiederum auch nur neue Arbeit mit Künstlern und Kuratoren. Ich kenne einfach niemanden, der in der freien Wirtschaft arbeitet.

Gerade arbeite ich immer mehr mit darstellenden Künstlern, was ich ziemlich spannend finde, weil die eine ganz andere Bildnotwendigkeit haben. Bildende Künstler haben ja bereits ihr Bild gebaut. Um performative oder filmische Kunst darzustellen, muss ich als Grafiker andere Verbindungen herstellen. Das ist, was mich gerade interessiert: Die Verschmelzung von Bildmotiven. Das sind alles ziemlich spannende Grafikdesign-Probleme. Aus rein unternehmerischer Sicht kann man sagen, dass wir im künstlerischen Feld arbeiten, weil wir uns auch sozial darin bewegen.

Meine Eltern hatten eine Riesenangst, dass ich meine Familie nicht versorgen kann. Die haben mich gefragt, ob ich denn auch ein Werbeprospekt für Aldi gestalten würde. Und ich habe ihnen dann erklärt, was das für ein Riesenaufwand ist, so ein Ding herzustellen. Es wird immer so getan, als könnte das eine Person alleine herstellen. Das sind komplexe Herstellungsprozesse. Das macht irgendwo eine Firma mit einer Armada von Leuten, wahrscheinlich in Asien, die das zu günstigsten Konditionen durchknallt und das ganze Gemüse freistellt. Dafür brauchst du schon krasse technische Skills.

»Dass es scheiße aussieht, heißt nicht, dass es einfach ist.«

Ich guck mir ziemlich gerne an, wie diese Billig-­Prospekte eigentlich handwerklich hergestellt sind. Dass es scheiße aussieht, heißt nicht, dass es einfach ist. Sondern das ist ja ein gewisser ästhetischer Kanon, in dem das funktioniert. Und der soll auch gar nicht verlassen werden. Da soll gar keine gute Grafik entstehen. Sobald eine gute Grafik entsteht, haben die Leute ja Angst davor. Es soll billig aussehen. Das ist eine gewisse Ästhetik, die genau dem entspricht, was die Leute erwarten. Man wird dort keine schöne, große, fette Helvetica finden, denn die Leute haben Angst vor großer Schrift. Bei MediaMarkt zum Beispiel wird jegliche Form von Text durch diverse visuelle Effekte verbildlicht, damit die Leute keine Angst vor der Eindeutigkeit großer Schrift bekommen, was ich ziemlich interessant finde.

JSAuf eurer Website schreibt ihr, dass euer Studio auch eine Forschungseinrichtung zur Untersuchung visueller Sprache ist. In diesem Kontext hattest du auch erwähnt, dass du dich schon seit längerem mit der Darstellung und produktionstechnischen Umsetzung von Verläufen beschäftigst. Integriert ihr diese Forschung in eure kommerziellen Aufträge? Ziehen sich die Forschungsprojekte, wie eine übergeordnete Agenda, durch eure Arbeiten?

Florian Lamm überprüft das Urbane Künste Ruhr Magazin

JKLogisch, das hat immer miteinander zu tun. Das Urbane Künste Ruhr Magazin, das wir gestaltet haben, würde nie so aussehen, wie es aussieht, wenn wir uns nicht seit mehreren Jahren damit beschäftigen würde, wie sowas technisch hergestellt werden kann und wie bestimmte Momente aussehen, in denen diverse Räume und Bilder ineinander- und übereinander greifen. Alles was wir tun, speist sich natürlich daraus, womit wir uns beschäftigen. Und wir hätten dieses Cover vor fünf Jahren so nicht gemacht und werde es hoffentlich auch in fünf Jahren nicht so machen.

Ich bin ja ein Produkt meiner Zeit, in der ich etwas tue und in der ich mich mit Dingen beschäftige. Meine Arbeiten sind Resultat der Zeit, in der ich gerade bin, und der Dinge, mit denen ich mich beschäftige. Und deswegen sieht das so aus, wie das aussieht. Ich hoffe, dass ich mich in ein paar Jahren mit anderen Dingen beschäftigen werde, die anders aussehen werden. Vielleicht werde ich Verläufe immer noch spannend finden, aber auch die werden dann anders aussehen.

Als ich angefangen habe zu arbeiten, habe ich das nicht gemacht, aber ich bin dazu übergegangen, mir die Freiheit zu nehmen an Dingen zu arbeiten, die nicht unbedingt Teil eines Projekts sind und die auf ihrer eigenen Ebene stattfinden. Wie meine eigene Forschungsstation. Die Outputs daraus sind extrem verschieden und fließen dann wieder in reale Projekte rein. Und ich glaube, dass auch nur so Fortschritt in der eigenen Arbeit passieren kann.

»Das Problem ist nicht, das Plakat zu machen, das Problem ist, das Plakat zu hängen.«

Unabhängig davon gilt es natürlich in jedem Projekt reale Problem zu lösen. Und alle halten ihr eigenes Problem für solitär, aber letztlich haben alle Leute das gleiche Problem: Sie wollen sichtbar sein. Das Kernproblem der Sichtbarkeit zu lösen, ist eigentlich relativ einfach. Du musst halt distribuieren. Also Sichtbarkeit schaffen heißt vor allem, dass du Kanäle schaffst, in denen du sichtbar wirst. Das Problem ist nicht, das Plakat zu machen, das Problem ist, das Plakat zu hängen.

Wenn du cool auf Instagram sein willst, was hält dich davon ab, ein Bild zu posten? Ist doch eigentlich ziemlich einfach. Aber dann muss es halt eben auch noch jemand sehen wollen. Also das Problem ist eigentlich nicht die Visualität, sondern das Verständnis dafür, dass du aus den Kanälen heraus trittst und dass du es schaffst, nach draußen etwas Interessantes zu kommunizieren. Sichtbarkeit bedeutet, die Kanäle zu nutzen, die zur Verfügung stehen, und diese regelmäßig zu bespielen.

Eigentlich ist das Problem immer das gleiche. Alle wollen sichtbar sein und dann musst du Strategien entwickeln, diese Sichtbarkeit herzustellen. Oder du hast ein Buch und den Inhalt und dann musst du diesen Inhalt strukturieren. Das ist aber letztlich das Gleiche: Du musst den Inhalt sichtbar machen und das bedeutet vor allem zu ordnen und zu strukturieren.

Das Geile ist, dass sich alle eine individuell geschneiderte, spezifische Ordnung und gleichzeitig eine Varianz der konventionellen Ordnung wünschen. Die Herausforderung als Grafiker ist es, diese Varianz der Ordnung herzustellen. Alle sagen: »Das sieht irgendwie so ähnlich aus!«, dann sagst du: »Na, das gestalterische Problem, was ihr habt, ist genau das Gleiche, wie das der anderen. Klar sieht es ähnlich aus.« Wenn du ein Plakat hast und darauf soll groß der Titel stehen und groß das Datum stehen und groß der Künstler stehen, dann sieht das halt irgendwie ähnlich aus.

Und deswegen forschen Flo und ich an den Varianzen der Ordnung. Nur darüber schaffst du eine eigene und neue Form und die darf nicht immer nur mit realen Problemen zu tun haben, weil das reale Problem häufig das gleiche ist.

Jakobs Schreibtisch im Gemeinschaftsbüro

JSAlso dient die Varianz eigentlich nur der Befriedigung des Egos der Auftraggeber*innen und eigentlich könnte jedes thematisch und inhaltlich ähnliche Buch genauso gut gleich aussehen?

JKNee, das ist falsch geschlussfolgert. Du musst dich vom realen Problem loslösen, um überhaupt zu etwas Neuem zu kommen, das dich weiterbringt, weil für das reale Problem gibt’s gar nicht so viele Lösungsmöglichkeiten. Das reale Problem allein führt immer zu einer ähnlichen visuellen Lösung. Deswegen ist es manchmal auch gut, wirklich freie Sachen zu machen, die weit weg sind von irgendeinem Auftrag. Und die Erkenntnisse aus diesen freien Auseinandersetzungen speist du dann wieder in die Lösung realer Probleme ein.

JSDu hast mal gesagt, dass Gestalter*innen durch die neuen Arbeitsprozesse im Grafikdesign immer mehr zu Entscheider*innen werden müssen und dass sie ihre Entscheidungen durch Persönlichkeit, Wissen, Erfahrung und Fähigkeit rechtfertigen können. Welche Rolle spielt dabei das Auftreten gegenüber den Auftraggeber*innen? Und wie überzeugst du andere von deiner ästhetischen Position?

JKDas sehe ich immer noch so. Also ich will nicht solche verbrauchten Worte, wie »Authentizität« ins Boot holen, aber ich arbeite eigentlich nur mit Leuten zusammen, die wissen, dass ich die Dinge, die ich tue, auch vertrete. Es ist auch schon vorgekommen, dass wir mit Leuten nicht zusammen gekommen sind.

Man merkt in der Regel ziemlich schnell, wenn man auf Grund einer fehlenden gemeinsamen Sprache, gemeinsamer Diskussionskultur oder schlicht verschiedener ästhetischer Vorlieben und Geschmäcker keinen Schritt weiter kommt. Dann müssen wir abbrechen. Das haben wir schon ein paar mal gehabt. Und das ist auch okay.

Ehrlichkeit spielt für mich auch eine große Rolle. Ich versuch nie, mich als mehr zu verkaufen, als wer ich bin, und versuche nie Auftraggeber*innen zu verarschen. Ich sage auch, wo meine Limits sind und gebe zu, wenn ich etwas nicht beurteilen kann, stattdessen biete ich dann an, weitere Fachleute heranzuziehen. Ich glaube, dass man aus seiner Limitierung Kraft schöpft. Zuzugeben etwas nicht zu können, kann auch Vertrauen in die Fähigkeiten erwecken, die du angibst, zu beherrschen.

Ich finde das Wort »authentisch« eklig, weil das medial schon so verbraucht ist. Aber ich würde nie versuchen jemandem Dinge anzudrehen, von denen ich selbst nicht überzeugt bin. Denn das merken die Leute. Ich bin auch nicht gut im Lügen. Ich glaube, dass, in dem Moment, in dem ich hinter einem Entwurf stehe und sage: »Das finde ich gut!«, ich dadurch überzeugend bin. Und wenn ich etwas wirklich gut finde, kann ich das auch überzeugend argumentieren. Aber ich könnte nichts, das ich richtig schlecht finde, als gut verkaufen.

Das hat auch mit einem Vertrauen darin zu tun, dass die Person gegenüber einfach auch nicht doof ist, was ich auch umgekehrt erwarte. Es ist ein Vertrauensbeweis, dass meine Arbeit respektiert wird und ich die Arbeit der Anderen respektiere. Dass wir gemeinsam an einer Sache arbeiten wollen, ist ja fast wie ein Angebot zu einer Freundschaft. Wobei man auch aufpassen muss, dass es nicht zu freundschaftlich wird. Es ist eine Arbeitsgemeinschaft und ein zu freundschaftliches Verhältnis kann dazu führen, dass man sich nicht konfrontiert, wenn mal jemand Mist gebaut hat.

»Die Kommunikation mit Leuten ohne Musikgeschmack kannst du eigentlich vergessen.«

Es ist natürlich, wie immer, ein Weg dazwischen. In der Arbeit miteinander muss es eine Vertrauensbasis geben und du musst die Leute sympathisch finden. Die Dinge, die wir gestalten, sind immer so gedacht, dass der Mensch, der sie nach außen hin verkörpern muss, auch verkörpern kann und will. Ich muss eigentlich die Auftraggeber*innen kennen oder mit ihnen darüber gesprochen haben, was sie daran eigentlich spannend finden. Das hat ganz viel mit Kommunikation zu tun.

Ich arbeite deswegen extrem gerne mit Künstler*innen zusammen, weil die auf eine besondere, poetische Art über ihr Anliegen reden können, was es einfacher macht, Bilder und Formen zu entwickeln. In einer gemeinsamen Sprachen über Töne, Klänge und Konstellationen reden zu können ist sehr hilfreich. Ich komme aus einer Bauingenieur-Familie und darum traue ich Bauingenieuren diese poetische Sprache nicht zu.

Sprachlich hilft es Anknüpfungspunkte zu schaffen, die vordergründig nichts mit Grafik zu tun haben, z. B. mit einem Vokabular aus Literatur oder Musik. Wenn Leute keinen Musikgeschmack oder kein Rhythmusgefühl haben, dann kannst du die Kommunikation mit diesen Leuten eigentlich vergessen.

JSFällt es dir leicht deine ästhetischen Positionen und Entscheidungen zu rechtfertigen, sei es jetzt vor Kolleg*innen oder vor Auftraggeber*innen?

JKKann ich nicht pauschal sagen. Also in der Regel fällt es mir leicht, wenn ich etwas spannend finde und ich lange daran gearbeitet habe. Aber es gibt natürlich auch berechtigte Einwände, die ich zulassen muss.

Wenn ich jetzt beispielsweise ein Erscheinungsbild für ein Museum auf der Farbe Blau aufbaue, vorher nicht genug recherchiert habe und dann der Einwand kommt, dass es in der Stadt bereits ein Museum gibt, das alles in Blau macht, dann ist das meine eigene Blödheit. Das muss ich dann zugestehen und von vorne anfangen. Man muss Fehler zugeben und sich immer dafür bereit halten, dass das, was man macht, eventuell kompletter Bullshit ist.

Es ist wichtig, Kritik zuzulassen und zu akzeptieren, solange sie begründet ist. Wenn die Kritik lautet »Ich mag kein Gelb«, dann ist das für mich keine Begründung. Aber wenn die Kritik lautet »Gelb passt hier nicht, weil ein gelbes Plakat würde neben dem gelb-­blü­henden Forsythienbusch untergehen, neben dem es gehangen werden soll.«, dann muss ich zugestehen, dass Gelb eine schlechte Idee ist.

Diskussionsbereit zu bleiben ist wichtig, aber manchmal für mich auch ziemlich schwer. Auch ich habe irgendwann kein Bock mehr zu diskutieren und muss mich immer wieder motivieren zu sagen: »Ja, wir müssen darüber diskutieren, wie wir jetzt hier einen Schritt weiter kommen.«

JSGibt es bezüglich dem Thema Arbeit eine Erfahrung, die du gerne schon früher gemacht hättest oder eine Erkenntnis, die du gerne schon früher erlangt hättest?

JKAlso es gibt zwei Varianten darauf zu antworten.

Die erste ist ziemlich kurz: Nein, weil dann würde ich heute nicht das tun, was ich tue. Ich hab mit 21 angefangen zu studieren und ich glaube, dass ich nie diesen Weg des Studiums, der Arbeit, der Auseinandersetzung gewählt hätte, wenn ich schon damals verstanden hätte, was das als Berufsbild bedeutet, was da auf mich zukommt.

Die zweite ist: Ich hätte gerne die Erfahrung gemacht, als Grafiker Mitte der 70er Jahre zu arbeiten, um eine Demut und ein besseres Verständnis für unsere jetzigen Möglichkeiten, Leistungen und Arbeitsweisen zu entwickeln. Das, was ich heute als den Beruf des Grafikers verstehe, das gab es vor 50 Jahren noch nicht. Damals wurde unsere Arbeit von einer ganzen Firma mit mehreren Angestellten bewältigt. Da gab es unterschiedliche Personen für Lithografie, Schriftsatz, Text, Folienschnitt, Druck und Koordination. Heute macht das alles eine Person, vielleicht zwei. Und wir können uns dieses Berufsbild, was es jetzt gibt, eigentlich selbst zusammenbauen.

Ich habe gerade eine Biographie von Roman Cieślewicz gelesen. Ein polnischer Grafiker, der nach Paris emigrierte und in Frankreich recht bekannt war, weil er viel für die Vogue und sowas gemacht hat. Er hat ziemlich komplexe Bildwelten aus gesammelten Papierschnipseln collagiert. Etwas, das wir im Prinzip heutzutage innerhalb von relativ kurzer Zeit herstellen können. Und trotzdem haben seine Arbeiten eine unglaubliche Qualität, weil du spürst, wie er mit seiner groben Hand und seinen groben Werkzeugen das Papier ewig hin und herschieben musste bis es geklappt hat. Die Limitierung führt zu einer unglaublichen Detailversessenheit bei gleichzeitiger Detail-Unschärfe.

Ich halt diese Hyper-Schärfe, die wir heute erzeugen können, für ein bisschen unmenschlich. Darum finde ich die Wärme sehr spannend, die dieses Analoge mit sich bringt. Meine eigene Beschäftigung verschiebt sich gerade von Unschärfe zu analogen Spuren. Was ist eigentlich eine analoge Spur und wie kann ich die digital faken? Was ist dann tatsächlich noch das Analoge daran? Und ich glaube, um das zu verstehen, müsstest du eigentlich nochmal komplett analog arbeiten. Das kann ich aber gar nicht mehr, weil es zum Beispiel diesen Fotosatz in Kombination mit den damaligen Papieren nicht mehr gibt, der zu dieser leichten Unschärfe der Schrift führt. Für das, was ich wirklich spannend finde, sind die Druckmaschinen heutzutage eigentlich viel zu gut. Das ist das, was die Leute vor ein paar Jahren an diesen Riso-Heften geil fanden. Da gibt es diese Unschärfe drin, dieses Unperfekte. Das ist schon spannend.

Ich habe das Gefühl, ich lebe, in dem was ich kann und in dem, was ich spannend finde, eigentlich in der falschen Zeit, ein bisschen zu spät.

JSHast du einen Rat, den du Berufsanfänger*innen mitgeben möchtest?

JKMan hofft immer, dass jemand extrem viel mehr weiß, aber ich habe nicht viel zu erzählen. Ich bin jetzt 40 und arbeite seit 15 Jahren. Früher dachte ich, dass ich irgendwann mal erwachsen bin und dann Bescheid weiß, aber das Geile ist, dass mein Erfahrungsschatz, Wissens-, und Erkenntnisstand gefühlt eigentlich nicht nicht viel größer geworden ist. Wenn ich drüber nachdenke, habe ich das Gefühl, dass ich nicht sehr viel mehr weiß, als vor meinem Diplom. In den letzten 15 Jahren bin ich vielleicht technisch besser geworden, aber meinen Erkenntnisgewinn halte ich für erschreckend gering.

„»Wenn du lernst eine Form zu beschreiben, dann kannst du sie weiterentwickeln.«

Das einzige, was mich mein Alter tatsächlich gelehrt hat, ist, dass ich meine Energien besser bündeln und zu einem realen Output kanalisieren kann. Also das kann ich, glaube ich, besser. Und ich verstehe jetzt, warum ich früher bestimmte Dinge interessant fand. Ich habe vor kurzem meine Bewerbungsmappe aus dem Jahr 2001 weggeschmissen. Ich fand meine Arbeiten damals irgendwie interessant, aber erst jetzt kann ich formulieren, warum. Mir haben einfach damals die Worte dafür gefehlt, aber die Form war eigentlich schon da.

Katalog 100 Beste Plakate 2019

Also ich habe scheinbar gelernt, die Dinge zu beschreiben. Und dadurch, dass ich jetzt die Worte dafür habe, kann ich natürlich die Form viel differenzierter herstellen. In dem Moment, in dem ich Dinge beschreiben und formulieren kann, kann ich sie auch noch mal weiterentwickeln. Wenn ich außer »Das finde ich irgendwie schön« nichts geben kann, kann ich es kaum weiterentwickeln.

Aus der Frage »Wie kann man eigentlich Dinge beschreiben?« heraus haben wir ja letztes Jahr den Katalog für 100 beste Plakate entwickelt. Das war unser Fun-Projekt, das dann doch extrem anstrengend und nicht so fun war. Darin haben wir zusammen mit 25 Autor*innen aus den Bereichen Grafik, Theorie und Architektur für jedes der 100 besten Plakate eine Formbeschreibung verfasst. Die Sprache, um die Dinge zu beschreiben, kann man durch Erfahrung lernen. Und über die Sprache kommst du dann zu einer Weiterentwicklung der Form. Das hat aber nicht vordergründig mit Begabung zu tun. Du kannst das erreichen, wenn du den Willen und die Begeisterung mitbringst, das, was du tust, zu beschreiben.

Ich glaube, ich habe keine einzige Frage linear beantwortet hat. Das hat wohl sehr viel mit meiner Arbeitsweise zu tun.

Weiterführende Informationen:

http://lamm-kirch.com/

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Woran ich heute gearbeitet habe

Die vorangegangenen Gespräche bestätigen meine Erwartung, dass der persönliche Austausch einen notwendigen Schlüssel zum besseren Verständnis der individuellen und allgemeinen Arbeitssituation darstellt. Obwohl drei Interviews, mit subjektiv ausgewählten Personen, natürlich keine repräsentative Erhebung zum Zustand der Grafikdesign-Arbeit darstellen, halte ich die individuellen Erfahrungen und die sich andeutenden Muster bereits für aufschlussreich. Wie erhofft, haben die Gespräche mir dabei geholfen, mein Bild der »guten Arbeit« zu schärfen, und mein Verständnis dafür vertieft, wie sich meine eigene Arbeit besser gestalten lässt. Die Unterhaltungen waren für mich ein höchst interessantes und sehr persönliches Erlebnis und ich fühle mich geehrt, dass die Interviewpartner*innen ihre Gedanken mit mir geteilt haben.

Auch wenn ich es nicht anders erwartet hatte (und es unter anderem ein Auswahlkriterium der Interviewpartner*innen war), bin ich doch davon überrascht, wie viel Daniela, Prem und Jakob arbeiten bzw. bereits gearbeitet haben. Ich halte mich selbst für jemanden, der nicht wenig arbeitet (ich schreibe diesen Text an einem Sonntag), aber von außen auf diese Quantität an akkumulierter Arbeitszeit zu blicken, ist beeindruckend. Diese Intensität scheint jedoch durchweg eine immense und konstante Belastung mit sich zu bringen, die sich wiederum in gesundheitlichen Folgen niederschlägt, ein »Raubbau an Körper und Gesundheit«, wie Jakob es sagte. Mit einer pauschalen Bewertung dieses Zusammenhangs möchte ich mich aber zurückhalten. Zwar betrachte ich gesundheitliche Beeinträchtigung durch die Arbeit grundsätzlich als problematisch, da es mir jedoch an Informationen fehlt, um die (Un-)Freiwilligkeit der Inkaufnahme einschätzen zu können, und ich Gesundheit nicht als höchstes Gut verstehe, belasse ich es vorerst bei der Beobachtung, ohne urteilen oder verbessern zu wollen.

Weitere gemeinsame Probleme scheinen mir die (gefühlte) finanzielle Unsicherheit und die Ablehnung überbordender Organisations- und Kommunikationsarbeit bzw. »Nicht-Design-Arbeit« zu sein. Letzteres wird (und da spreche ich auch aus eigener Erfahrung) nicht als die »eigentliche« Arbeit angesehen, weshalb sich ein Tag voller Meetings und Korrespondenzen unproduktiv und schlecht anfühlt, wohingegen die »eigentliche«, kreative Arbeit den Tag »erfüllend« anfühlen lässt. Lösungsansätze wären aus meiner Sicht entweder die Ausweitung des Verständnisses von produktiver Arbeit auf die »Nicht-Design-Arbeit«, also eine Affirmation dieser Aufgaben, oder eben eine bewusste Eingrenzung dieser Aufgaben, durch die Festsetzung bestimmter Boundaries, wie z. B. eingeschränkter Korrespondenzzeiten und -kanäle, oder die Delegierung unliebsamer Aufgaben, z. B. an eine*n Projektmanager*in.

Einigkeit scheint darüber zu herrschen, wie essentiell persönliche, respektvolle und konstruktive Kommunikation mit Auftraggeber*innen ist. Aufrichtige und intensive Kommunikationsarbeit ist demnach eines der Schlüsselelemente zu langfristig zufriedenstellenden Arbeitsbeziehungen. Damit in Verbindung steht die Wichtigkeit des Wählerisch-Seins: Vor allem Projekte, bei denen es an einer gemeinsamen Basis oder gegenseitigem Verständnis mangelt oder bei denen die Kommunikation stark erschwert oder unangenehm ist, sind aus Rücksicht auf die eigene geistige Gesundheit zu vermeiden und abzubrechen.

Alle drei Interviewpartner*innen würden einen stärkeren kollegialen Austausch befürworten, wobei daran auch die Notwendigkeit einer weiterentwickelten Debattenkultur geknüpft wird, in der Beteiligte ihre Interessen formulieren können ohne sich primär als Konkurrent*innen zu verstehen. Das Fehlen der Strukturen für gegenseitige Unterstützung und sinnvollen Austausch wird bemängelt und teilweise werden diese Strukturen durch Eigeninitiative geschaffen, wie z. B. der Format Club.

Zwei Aspekten, die für mich vor den Interviews keine große Rolle gespielt haben, würde ich gerne zukünftig mehr Aufmerksamkeit schenken:

Erstens der Eindruck, dass es innerhalb des Prozesses der Designarbeit verschiedene Phasen bzw. Modi gibt, die unterschiedliche Bedürfnisse an ihre Umgebung stellen. Das können z. B. konzentrierte, in sich gekehrte Ausprobierphasen oder sehr kommunikative Austauschphasen sein, in denen Konzepte im kritischen Dialog erprobt und feingeschliffen werden. Wie die Gestaltung der Arbeitssituation (wie z. B. Ort und Zeit) je nach Phase optimalerweise auszusehen hat, halte ich für eine sehr interessante Frage. Die konventionelle Idee, dass Designarbeit hauptsächlich an dem einen Schreibtisch (und ggf. auch mal in einem Meetingraum stattfindet), könnte hierdurch angezweifelt werden. Mit einem erweiterten Verständnis des Arbeitsortes, könnte z. B. auch ein kontemplativer Spaziergang als fester Bestandteil eines Arbeitsprozesses verstanden werden.

Zweitens die Relevanz der Selbstvermarktung, des »Sich-Verkaufens« bzw. konkret die Bemühung um Auszeichnungen. Das, was für mich bisher ein optionales »Nice to have« war, dem ich nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt habe, scheint doch von maßgeblicher Wichtigkeit zu sein, um im konventionellen Sinne erfolgreich zu sein.

Desweiteren finde ich sehr interessant, wie Prem durch seine unterschiedlichen Arbeitsfelder einen guten Blick dafür erhalten hat, was ihm an welcher Arbeit warum gefällt. Auch die Betrachtung der intrinsischen Problematik und das Infragestellen von auftragsgebundener Designarbeit als solche ist für mich eine neue Perspektive, von der ich glaube, dass sie mehr Beachtung meinerseits verdient. Ebenso spannend ist die Erkenntnis, welche Probleme Jakobs starke Spezialisierung und die daraus resultierende Abhängigkeit von der Kulturbranche mit sich bringen und welche sozioökonomischen Umstände überhaupt dazu geführt haben. Auch die Bedeutung, die Jakob der beschreibenden und analytischen Sprache bei der Weiterentwicklung der Form beimisst, halte ich für höchst interessant. Zunehmend beschäftigt mich auch die Verfolgung einer »übergeordneten Agenda«, wie sie sich bei Prem durch die starke thematische Vernetzung über Tätigkeitsbereiche, Projekte und Medien hinweg zeigt, oder wie sie Jakob mit seiner »Forschung an nicht-realen Problemen« betreibt. Damit in Zusammenhang stehend sehe ich auch Prems Worte, die mir sehr gefallen:

»It’s not about making one great thing once, it’s about being able to make things and be the way you want to be for 20, 30, 40, 50, 60 years, however long you’re blessed to have in the world, and to make something that’s meaningful to yourself and to others.«

Meine Auffassung vom grundlegendsten Problem der Arbeit ist stark geprägt vom Essay »Lasst uns nicht die Sexarbeit abschaffen. Lasst uns sämtliche Arbeit abschaffen.« der feministischen Autorin Laurie Penny. Nach Penny ist »Arbeit« nicht per se befreiend, zuträglich und ermächtigend, wie es das neoliberale Dogma der Arbeitsgesellschaft erkläre. Stattdessen wohne jeder Lohnarbeit und jeder prekären Arbeit ein ausbeuterischer Charakter inne. Sie definiert Arbeit als »wirtschaftliche und moralische Verpflichtung, seine Arbeitskraft zu verkaufen, um zu überleben.« Problematisch ist laut Penny die allgemeine Auffassung, dass es akzeptabel sei, dass Menschen durch Geldnot und Verzweiflung Arbeit verrichten müssen, die sie langweilt, anwidert, zermürbt, auslaugt, krank macht oder erniedrigt.

Der Zwang, der entsteht, wenn das Konto leer, aber die Miete noch nicht bezahlt ist, verhindert also jede Möglichkeit der eingangs beschriebenen »gute Arbeit«, da eine notwendige Voraussetzung, die der Freiwilligkeit, nicht mehr gegeben ist. Interessant wäre, zu untersuchen, wie sehr dieser Zwang (möglicherweise in abgeschwächter Form) als verinnerlichter oder konkreter Druck auch in weniger prekären Lebens- und Arbeitsrealitäten fortbesteht, wenn trotz hohen Einkommens eine gefühlte finanzielle Unsicherheit die Arbeitsverhältnisse bestimmt und damit die Selbstbestimmung beeinträchtigt.

Gegen diesen Arbeitszwang hilft nur finanzielle Sicherheit. Die konsequente, strukturelle Lösung wäre eine staatliche, bedingungslose ökonomische Absicherung. Solange dieser strukturelle Ansatz nicht existiert, ist es umso wichtiger, dass wir uns über Arbeitsbedingungen und -verhältnisse austauschen, um eine Nische zu finden, mit der man sich langfristig arrangieren und aus der man sich weiter der Realisierung der »guten Arbeit« annähern kann.

Quellen:

Penny, Laurie: Bitch Doktrin: Gender, Macht und Sehnsucht, Hamburg, Deutschland: 2017, S. 79